Vancouver Calling: Hockey, Hikes & Downtown Vibes

Erfahrungsbericht von Paul KruegerBritish Columbia

Ich bin Paul, 16 Jahre alt, aus München, und bin gerade von meinem 10-monatigen Auslandsjahr in Kanada zurückgekommen. Ich war etwas südlich von Vancouver, in Ladner (Delta), einer Kleinstadt mit etwa 25’000 Einwohnern, und bin auf die dortige Delta Secondary School (DSS) gegangen.

Es war relativ früh klar, dass ich ein Auslandsjahr machen wollte. Da ich in der Schule Englisch, Latein und Griechisch hatte, wollte ich in ein englischsprachiges Land, weil ich nicht die Zeit und Lust hatte, noch eine neue Fremdsprache zu lernen. Vor fünf Jahren war ich mit meinen Eltern in Ontario, und so kam ich dann auf Kanada. Diesmal sollte es aber die Westküste sein.Vor Abflug war ich natürlich ein bisschen aufgeregt, weil einfach viel Neues auf einen wartet. Vom Flughafen hat mich dann meine Gastfamilie abgeholt, und ich konnte mich in meinem neuen Zuhause einrichten. Normalerweise kommen alle Internationals eine Woche bevor die Schule anfängt; man hat also genug Zeit, um sich ein bisschen einzuleben. Meine Gastfamilie hat mir dann gleich den Ort gezeigt und mich auch schon einmal nach Downtown mitgenommen. Es gab auch eine Infoveranstaltung in der Schule mit anschließender Führung durch das Gebäude, sodass man die Schule schon einmal von innen gesehen hat. Dadurch, dass es ja echt viele Internationals in Kanada gibt, ist das alles ein sehr eingespieltes System. Am ersten Schultag bekommt man seinen Stundenplan und hat eine weitere Versammlung, auf der man dann sein Google-Konto einrichtet, sich mit dem Wi-Fi verbindet, und andere administrative Sachen erledigt. Am nächsten Tag fängt dann der reguläre Schulbetrieb an.

In Kanada gibt es zwei verschiedene Schulysteme: Linear und Semester. Bei Linear hat man acht Kurse über das ganze Schuljahr, und dabei immer einen A und B Tag, im Semesterformat hat man jedoch vier Kurse pro Semester, die man dann jeden Tag hat. Meine Schule war im Semestersystem.Zuerst hatte ich Pre-Calculus 11 (Mathe), Ceramics, Food Studies und Geography. Das Mathe-Level habe ich als eher niedrig empfunden – was natürlich auch am Gesamtschulsystem liegt – und ich würde denjenigen, die in Deutschland einigermaßen sicher in Mathe sind, auf jeden Fall empfehlen, Pre-Calculus 12 zu nehmen. Bei Ceramics war ich anfangs sehr skeptisch, aber später habe ich diesen Kurs geliebt. Dadurch, dass man jeden Kurs jeden Tag 70 Minuten hat, kommt man richtig voran, anders als im Kunstunterricht in Deutschland. Wir haben ein Sparschwein, eine Gipsmaske, ein Teelichthaus, einen Küchenmagneten und eine Drahtskulptur gemacht. Da hat man sehr viel kreativen Freiraum und kann sich voll ausleben. Kunst ist sehr praktisch angelegt, man macht eigentlich gar keine Theorie mit Epochen, Bildanalyse etc. Ich hatte auch einen wirklich netten Sitznachbarn, Sam, mit dem ich mich schnell angefreundet habe, und der ein enger Freund von mir geworden ist. Food Studies war durchschnittlich; es war gut, wenn wir gekocht haben und schlecht, wenn wir nicht gekocht haben. Da würde ich im Nachhinein eher Cafeteria nehmen, denn da kocht man wirklich jeden Tag (die Leute wollen ja in der Mittagspause immer etwas essen). Man bekommt auch einen 50% Mitarbeiter-Rabatt, das hat sich für den ein oder anderen echt gelohnt. Geographie war sehr ähnlich wie in Deutschland, ein Rundumschlag in verschiedenste Themenbereiche. 

Im zweiten Semester hatte ich dann noch Literary Studies 11 (Englisch), Digital Media Design, Metalwork und Psychologie. Englisch hat viel mehr Spaß gemacht als daheim, denn – wie der Name schon sagt – liest man in Literary Studies Literatur, analysiert sie und diskutiert dann darüber oder schreibt Essays. Ich habe den Englischunterricht als sehr viel interessanter, realitätsbezogener und sinnvoller als daheim wahrgenommen. Es ging auf der einen Seite um viele verschiedene Themenbereiche wie leadership oder identity, war aber doch relativ praktisch und lebensnah und nicht so verstaubt theoretisch, wie es manchmal beim Englischunterricht hierzulande ist. Digital Media Design war sehr interessant, dort haben wir Einführungen und kleine Projekte in verschiedene Designbereiche gemacht und dabei uns auch mit den diversen Adobe Programmen vertraut gemacht (etwas, was sicher nicht schadet). Auch da hatte ich Glück mit meinem Sitznachbarn, wir haben viele Projekte zusammen gemacht, wie z.B. zwei Kurzfilme, die thematisch eigenständig sind, aber doch klare Referenzen und Parallelen zueinander haben. Ich hätte mir aber mehr Interaktion mit anderen Leuten, z.B. Gruppenprojekte, gewünscht. Ähnliches kann man über Psychologie sagen, wo wir viele verschiedene psychische Störungen und Therapiemöglichkeiten durchgenommen haben. Doch Metalwork war sicherlich das Highlight der Schulkurse. Denn nach der anfänglichen Safety Paperwork und den ganzen Einführungen für die Maschinen, kann man das machen, wofür man Metalwork genommen hat: Um im Metalshop mit unzähligen Maschinen umzugehen zu lernen und Projekte zu verwirklichen. Am meisten haben wir mit den Drehmaschinen gearbeitet, aber Standbohrmaschinen, Fräsmaschinen, CNC-Fräsen usw. wurden auch viel genutzt. Im Laufe des Semesters haben wir eine Messingpfeife, Namensschilder aus Aluminium und einen Stahlhammer hergestellt. Dazu lernt man Schritt-für-Schritt, die verschiedenen Operationen auf den Maschinen durchzuführen, sodass man am Ende echt ein gutes Verständnis von den Maschinen hat und am liebsten noch mehr Zeug bauen würde. Gegen Ende des Semesters, wo ein paar Leute schon fertig mit den Projekten waren, haben wir auch noch zwei alte, vernachlässigte Desktop CNC Drehmaschinen aufbereitet und wieder einsatzfähig gemacht. Der Lehrer, Mr. Cowen, ist für mich so ein bisschen ein Sinnbild davon, was so viel besser ist in Kanada: Die Lehrer sind einfach deutlich entspannter und weniger gestresst. Das Verhältnis von Lehrer und Schüler ist deutlich näher und unkomplizierter, etwas, wovon sich Schulen in Deutschland eine Scheibe abschneiden können. 

Merry Christmas!

Ein anderer interessanter Unterschied ist Flex: Jeden Tag gibt es zwischen dem ersten und zweiten Block 45 Minuten Flex. Dazu muss man sich in einen der aktuell belegten Kurse online einbuchen und hat dann noch extra Zeit. Ich habe mich meistens in Ceramics oder Metalwork eingebucht, denn meinen Papierkram kann ich ja daheim machen, aber habe ich nunmal keinen Metalshop zu Hause. So hat man echt sehr viel Zeit in einem Fach und man kann sich auch ein bisschen die Prioritäten setzen, die man sich vorstellt.

Bei einem der Skitage… 

In allen Kursen ist man ja mit anderen Leuten zusammen, so etwas wie feste Klassen gibt es nicht, manche Fächer werden sogar jahrgangsübergreifend unterrichtet. Deshalb ist anfänglich erstmal schwer, Freunde in den Kursen zu finden. Viel einfacher und natürlicher ist das mit den anderen Internationals, bei meiner Schule gab es etwa 130 (in den zwei Semestern zusammen, bei insgesamt 1600 Schülern). Einerseits teilen alle Internationals so ziemlich die gleiche Lebensrealität, und bei manchen ist natürlich auch die Sprachbarriere nicht vorhanden. Im Laufe der Zeit bilden sich dann viele einzelne communities, und da findet man immer Leute, mit denen man etwas unternehmen kann. Insgesamt ist man in der Internationals-Community echt gut aufgehoben und dort habe ich echt ein paar sehr enge Freunde gefunden. Auch gibt es immer mal wieder gemeinsame Aktivitäten, z. B. eine Vancouver Sightseeing-Tour oder einen Tages-Ski-Trip nach Whistler. 

Ich war auch in mehreren Sport Teams. Im Herbst war Fußball, wo wir unsere Liga gewonnen haben und uns somit für die Provincials qualifiziert haben. Das war ein dreitägiges Turnier, wo wir nur den siebten Platz erreichtenobwohl durchaus mehr drin gewesen wäre. Im Frühling war ich im Tennisteam und im Run Club, was zur Vorbereitung für den Vancouver Sun Run – ein 10 km Lauf – war. Das war eines der Highlights des Jahres. Der Vancouver Sun Run führt direkt durch die hohen Häuserschluchten und endet beim BC Place – das Stadion -, wo danach auch noch die Afterparty stattfand. Es haben über 35’000 Läufer mitgemacht, und der Tag wird mir sicherlich in Erinnerung bleiben (was auch an meiner höchst zufriedenstellenden Zeit von 43:14 lag). Gerade im Winter (da ist Basketball und Volleyball Saison) schauen auch sehr viele Leute bei den Spielen der Schulteams abends zu, da sollte man unbedingt mal vorbeischauen. Insgesamt kann man sagen, dass Sport einen ganz anderen Stellenwert in den Schulen in Kanada hat. Es gibt häufig ein riesengroßes Angebot an Sportarten (z.B. Mountainbike, Golf, oder Ultimate Frisbee), und es lohnt sich echt, bei vielen tryouts mitzumachen und bei den Spielen dabei zu sein – als Spieler oder Zuschauer. 

An den Wochenenden haben meine Freunde und ich häufig Ausflüge nach Vancouver Downtown und Umgebung gemacht. In der Stadt kann man schon Einiges unternehmen, und man hat ja auch noch die Berge und das Meer. Gerade im April und Mai sind wir relativ häufig Wandern gegangen in North Vancouver. Da Vancouver ja auch eine sehr diverse Küche zu bieten hat, findet man da immer was neues Interessantes und mir werden sicherlich einige interessante, manchmal auch skurrile Restaurantbesuche in Erinnerung bleiben. Wir haben die Zeit wirklich gut genutzt und so viel wie möglich erkundet. Im Winter haben wir jeden Dienstag bei den Eishockey Spielen der Delta Icehawks zugeschaut, die gesamte normale Saison sowie die Playoffs, die bis ins Halbfinale gingen. Und donnerstags, beim public skating, haben wir dann selbst unsere Eislaufkünste verbessert. Es waren eigentlich immer viele Internationals da, und das ist ein Event, das mir sehr fehlen wird.

Die letzte Woche Schule war dann sehr merkwürdig, denn man weiß, dass man alle Leute außer ein paar wenige vermutlich nicht wieder sehen würde. Es fühlte sich irgendwie unwirklich an, dass das Jahr dann schon wieder vorbei ist. Man war ganz selbstverständlich in dieser Rolle, als wäre es das Normalste auf der Welt, aber bald lässt man das hinter sich und kehrt in seine alte Welt zurück. Es gab noch die Awards Night, wo die jeweiligen Kursbesten geehrt werden, aber auch awards für außerschulisches Engagement vergeben werden. Am letzten Schultag gab es dann noch ein großes BBQ, und dann musste ich auch schon goodbye sagen. Denn mit meinen Eltern bin ich gleich am Samstagmorgen aufgebrochen für eine zweiwöchige Rundreise durch die Rockies, Calgary, Seattle und Squamish.  

AWARDS NIGHT!!

Goodbye – am letzten Schultag