Franko-Kanadisches Auslandsjahr: Eine Reise zu mir selbst

Erfahrungsbericht von Matilda ErnstOntario

Ich habe schon seit Jahren davon geträumt, ein Auslandsjahr zu machen. Für mich war immer klar, dass ich dieses in Kanada machen würde, da ich nicht nur die Natur dort faszinierend finde, sondern auch mein Englisch und Französisch verbessern und gerne auf einem anderen Kontinent leben wollte.

Ich war auf einer Messe, wo sich mehrere Organisationen, mit denen man ins Ausland gehen kann, vorgestellt haben, und zudem hat meine Schule einen Infoabend zu diesem Thema veranstaltet, bei dem auch Schüler, die bereits im Ausland waren, von ihren Erfahrungen berichtet haben.

Ich bin dann im Internet auf isec gestoßen und habe mich sofort wohl gefühlt, da sie eine kleine Organisation sind, nur auf Kanada spezialisiert, und deren Betreiber selber in Kanada gelebt haben.

Ende August 2024 habe ich mich dann alleine auf den Weg in mein Abenteuer begeben. Ich konnte es gar nicht fassen, als ich endlich in Ottawa angekommen war, da mein Traum, den ich seit mehreren Jahren hatte, nun endlich in Erfüllung gehen konnte. Am Flughafen hat meine Gastmutter auf mich gewartet. Sie und meine jüngere Gastschwester sollten für die nächsten fünf Monate meine Familie sein. Zu dem Zeitpunkt war auch noch eine japanische Gastschülerin in meiner Gastfamilie, die nach ein paar Tagen abgereist ist.

Ich lebte in einem schönen Zimmer in einem sehr gemütlichen Haus, in einer schönen und grünen Umgebung in der Nähe eines kleinen Waldes, eines großen Parks und des Ontario River. Für mich war es besonders faszinierend, dass nicht nur in meiner Gastfamilie Englisch und Französisch gesprochen wurde, sondern auch die gesamte Stadt komplett bilingual ist. 

In den Tagen nach meiner Ankunft fuhr ich mit meiner Gastfamilie in einen Tierpark Namens “Parc Omega“, wo man Tiere aus dem Auto heraus füttern konnte, und in den weltberühmten “Cirque du Soleil“.

Ich ging auf die französische Highschool “Gisèle Lalonde“, sprach aber in meiner Gastfamilie fast nur Englisch. Einen Tag vor meinem ersten Schultag in Kanada hatte ich ein Treffen in meiner Schule, um diese besser kennenzulernen. Davor hatte ich bereits meine Ansprechpartner für die nächsten Monate und andere internationale Schüler kennengelernt, die zum Teil auch enge Freunde von mir geworden sind. Wir waren eine sehr gemischte Gruppe mit Schülern von der Elfenbeinküste, aus Deutschland, Italien, Spanien oder auch der Slowakei. 

Es gehen ca. 1300 Schüler von der 7. bis zur 12. Klasse auf die “École Secondaire Publique Gisèle-Lalonde“. Ich nahm jeden Tag einen Bus und war nach ca. 40 Minuten an der Schule. Mein erster Schultag war ein echtes Abenteuer. Ich war komplett überwältigt von dem “québécois“, das dort gesprochen wurde, und habe mich auch erstmal total verlaufen. Man hat pro Semester vier Fächer, deren Abfolge jeden Tag anders ist, die man in der ersten Schulwoche aber auch noch wechseln kann. Nach ein paar Änderungen hatte ich echt interessante Fächer mit sehr netten Lehren, die auf mich zugekommen sind, und hatte auch schon einzelne Freunde in meinen Klassen gefunden. Kanadier sind sehr offene und herzliche Menschen und sie waren sehr interessiert an meiner Herkunft.

Gerade weil sich der Akzent sehr von dem Französisch, das ich in der Schule gelernt hatte, unterscheidet, fand ich es echt hilfreich, dass zur Not auch jeder Englisch sprechen konnte und Jugendliche dort eh eher Englisch miteinander reden. Nach und nach habe ich mich immer mehr an den kanadischen Schulalltag gewöhnt, der sich stark von dem deutschen unterscheidet, und mich immer wohler gefühlt. 

Nachmittags und an Wochenenden habe ich mich oft mit meinen Freunden getroffen und zusammen die wirklich vielseitige Stadt erkundet, wo man nicht nur schöne Natur, den Kanal und riesige Wohnviertel, sondern auch das Parlament und viele Museen findet. Ich war wirklich fasziniert von Ottawas Vielseitigkeit und habe es sehr genossen, typisch kanadisches Essen wie “poutine“ oder auch “beaver tails“ zu probieren.

Nach und nach habe ich auch immer mehr kanadische Freunde gefunden, mit denen ich mich nach der Schule öfters getroffen habe. 

Alle waren wirklich sehr zuvorkommend und luden mich regelmäßig zu sich nach Hause ein. Leider ist der Nahverkehr in Ottawa nicht der zuverlässigste und man muss öfters große Umwege, wenige mögliche Busverbindungen und lange Wartezeiten in Kauf nehmen. 

Besonders gefallen haben mir die Eiskunstlauf-Wettbewerbe meiner kanadischen Freundin, zu denen sie mich manchmal mitgenommen hat. 

Die sehr unterschiedlichen Jahreszeiten in Ottawa haben mich auch besonders beeindruckt. Von strahlender Sonne und schönsten Wetter wurden die Bäume unfassbar bunt und dann kam plötzlich Schnee und schon bald war es sogar manchmal kälter als -20 Grad!

Eins meiner persönlichen Highlights waren definitiv die Polarlichter, die ich mit meiner Gastfamilie bei einer Gassirunde mit dem Hund gesehen habe, da ich mein Leben lang schon davon geträumt hatte, diese einmal zu erleben. 

Ich hatte wirklich total viel Glück mit meiner Gastfamilie, weil wir nicht nur unheimlich viel Spaß hatten, wenn wir zusammen waren, sondern sie mich auch nach Toronto mitgenommen haben und ich dort mit ihnen in den kanadischen Freizeitpark namens “Canada‘s Wonderland“ gegangen bin, wir zusammen Ski und im Wald Schlittschuh gefahren sind und in einem Cottage in der Nähe einer kleinen Farm, unter dem schönsten Sternenhimmel ohne jeglichen Wasser- oder Stromzugang eine Nacht verbracht haben.

In der Schule habe ich mich dem Schulorchester (Harmonie) angeschlossen, mit welchem ich auch ein Konzert gegeben habe. Mit Freunden bin ich hin und wieder länger in der Schule geblieben, um unsere Sportteams (les Titans) anzufeuern. Auch sind wir bowlen oder zu einem Eishockeyspiel gegangen. Oft bin ich auch Schlittschuhlaufen auf dem Kanal gegangen, der glücklicherweise nach fast zwei Jahren Pause endlich wieder geöffnet hat, da es kalt genug war. Das war definitiv ein absolutes Highlight. Genauso wie die sogenannte Taffy Lane, eine in der Weihnachtszeit mit sehr vielen Lichtern dekorierte Wohnstraße.

Glücklicherweise musste ich nicht besonders viel für die Schule machen, da ich sehr entspannte Fächer mit wenigen Hausaufgaben hatte und das Schulsystem generell lockerer ist als in Deutschland. Es gab mehrere Mottotage und während meines Auslandsaufenthaltes habe ich viele Feste wie die Geburtstage meiner Gastmutter und -schwester, den Tag der Frankophonie, Halloween, Thanksgiving, Weihnachten und Neujahr gefeiert. Auch wenn es komisch war, für die Geburtsatge meiner eigenen Familie oder Weihnachten nicht da zu sein, habe ich es sehr genossen zu sehen, wie meine Gastfamilie hier feiert – mit ganz vielen Spielen, viel Gelächter und einem großen Sprachengewirr. 

Der 27. Januar war der Tag, an dem mein Auslandsjahr ein Ende nehmen musste. Vor der Schule habe ich mich schon tränenreich von meiner Gastschwester verabschiedet. Anschließend hat mich meine Gastmutter zum Flughafen gebracht. Für mich war es echt schwer, meine neugewonnenen Freunde und meine Gastfamilie zu verlassen, da ich nicht genau weiß, wann ich sie das nächste Mal wiedersehen werde. 

Die fünf Monate, die ich in Kanada verbracht habe, waren wirklich die besten meines Lebens! Ich habe so viele wunderschöne und unvergessliche Momente erlebt, die ich immer als Erinnerungen in meinem Herzen tragen werde. Ich habe mich so viel weiterentwickelt und meinen Horizont so stark erweitert. 

Ich würde es jedem, der die Chance hat, ein Auslandsjahr zu machen, wirklich ans Herzen legen, den Schritt zu wagen! Ich habe eine unvergessliche Zeit dort verbracht und hätte es wirklich bereut, wenn ich mich nicht getraut hätte, alleine ins Ausland zu gehen.