Mein Auslandshalbjahr in Squamish (nahe Whistler) … die beste Entscheidung!

Erfahrungsbericht von Till FreyhoffBritish Columbia

 

Als ein internationaler Schüler in Squamish habe ich viele neue Freunde gefunden und viele tolle Sachen erlebt, die ich nie wieder vergessen werde.

Ich war schon immer sehr interessiert an der Welt und an all den verschiedenen Ländern die unsere Erde zu bieten hat. Mein Lebensziel ist es, so viel wie möglich von der Welt sehen zu dürfen. In der 7. Klasse hatte ich zum ersten Mal die Idee, während der Schulzeit ins Ausland zu gehen. Doch damals fühlte ich mich noch nicht wohl bei dem Gedanken, für so eine lange Zeit weg von zu Hause zu sein. In der 9. Klasse sah das aber schon ganz anders aus und ich beschloss, diese Reise zu machen. Also ging ich mit meinen Eltern auf diverse Veranstaltungen zu dem Thema Austausch und Auslands-Jahr. Das war jedoch nicht so einfach wie gedacht, denn die meisten dieser Organisationen boten sehr ähnliche Angebote an. So war es schwierig zu erkennen, welches das Beste für mich war. Zu dieser Zeit wollte ich eigentlich auch etwas sehr Exotisches machen und hatte mir vorerst China ausgesucht, weil ich eine ganz andere Kultur miterleben wollte. Das passte gut mit der Chinesisch-AG, die für kurze Zeit an unserer Schule angeboten wurde. Als mich die Lehrerin dieser AG jedoch darüber aufklärte, dass Einheimische erst mit rund 14 Jahren in der Lage seien eine öffentliche Zeitung zu lesen und zu verstehen und ich aufgrund meiner fehlenden Chinesischkenntnisse in der kurzen Zeit eines halben Jahres mich nicht richtig integrieren könnte, verflog mein Gedanke nach China zu gehen. Dann kamen noch USA, Australien, Neuseeland, Großbritannien und Kanada in Frage, da dort Englisch gesprochen wird. In den USA darf man seinen Standort nicht aussuchen, Australien tut meiner Spinnen-Phobie nicht gut, Neuseeland war zu teuer und Großbritannien war mir zu europäisch. Also war es beschlossen: Kanada sollte es sein!!!

Durch einen Freund meines Vaters, dessen Tochter auch nach Kanada gegangen war, fanden wir „isec“, eine nur auf Kanada spezialisierte Organisation. Nach einem Bewerbungsschreiben und einem telefonischen Interview inkl. Sprachtest sowie nach eingehender Beratung entschloss ich mich für British Columbia, der Westküste Kanadas, weil man dort am meisten Freizeit-Möglichkeiten hat. Ich kam in den Schulbezirk 48 „Sea to Sky“ der insgesamt über 3 High Schools im Bezirk verfügt (in Squamish, Whistler und Pemberton). Der Name passt sehr gut, da man sowohl Pazifikstrände als auch die Coast Mountains im gleichen Dorf hat.

Drei Monate vor meinem Abflug am 1. September wurde ich nach Berlin zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Dort lernte ich Justus kennen, der mir ein sehr guter Freund geworden ist. Auf der Veranstaltung waren auch noch andere Schüler, die in verschiedenen Schulen und Regionen untergebracht wurden. Dort haben wir Erfahrungsberichte von Kanadiern gehört und viele Aktivitäten durchgeführt.                      Zu diesem Zeitpunkt hatte ich dann auch angefangen über E-Mail Kontakt mit meiner Gastfamilie aufzunehmen. Es handelte sich um ein Ehepaar, bei dem die Frau Rentnerin war und der Mann in der Kühltechnik-Branche arbeitete. Ihre drei Töchter lebten nicht mehr zu Hause.

Am 1. September war es dann soweit. Meine Reise sollte beginnen. Nachdem meine Eltern mich früh morgens zum Flughafen gebracht hatten, verabschiedete ich mich und flog ab.

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Bei meiner Ankunft wurde ich dann von meinem Gastbruder Nicolas und meiner Gastmutter Elisabeth, bzw. Liz empfangen. Da schon alles dunkel und ich sehr müde war, konnte ich auf der Fahrt kaum etwas von Vancouver und Squamish sehen. Als wir ankamen, sah ich ein ziemlich großes Holzhaus und drinnen erwarteten mich schon die zwei Hunde Hazel und Luke und die beiden Katzen Smudge und Rover. Meinen Gastvater Randal bzw. Randy lernte ich erst wenige Tage später kennen. Mein Zimmer, welches einer der drei Töchter gehört hatte, war eingerichtet mit einem Doppelbett, zwei großen Kommoden, Portraits von einem kanadischen Countrysänger und einem türkisen kleinen Schreibtisch mit einem knall-pinken Stuhl.

Squamish hat eine traumhafte Kulisse. Das Dorf mit 20.000 Einwohnern ist von Bergen, deren Gipfel zu dem Zeitpunkt schon teilweise mit Schnee bedeckt waren, umgeben. Dort findet man viele glasklare Seen. Ein Felsen, der das Augenmerk von Squamish ist, ist der Chief, die zweitgrößte Schieferformation der Welt. Die Wälder kann man nicht mit deutschen Wäldern vergleichen. Da Squamish in einem pazifischen Regenwald-Gebiet liegt, ist der ganze Wald mit einer dicken Moosschicht überzogen und sehr stark verwildert (Pazifischer Urwald). Der Ort hat eine Anbindung zum Meer. Obwohl der Strand nicht so schön gepflegt ist, wie der Rest des Dorfes, war es schön einen Strand zu haben. Das eigentliche Dorf hat drei Wohngebiete, darunter ein Nobelviertel und ein Gewerbegebiet. Desweiteren einen Hafen und eine kleine Innenstadt, sowie eine Primary School, zwei Middle Schools, eine High School und eine Elite-Universität.

Der Schulbus hielt direkt an der nächsten Ecke und war natürlich typisch nordamerikanisch gelb. Die Schulaula war eine große Halle, an deren Wänden Auszeichnungen der Schule und von der Decke viele verschiedene Flaggen hingen. Die Internationals (internationale Schüler) wurden alle zusammen erst einmal extra eingewiesen. Nachdem wir unsere Stundenpläne und Schließfächer bekommen hatten, ging es auch direkt los. Der Stundenplan wird pro Halbjahr geändert und besteht jeweils nur aus vier Fächern. Zwei finden morgens statt und, nach einer Pause, zwei nachmittags. Der Schultag geht von 9:00 Uhr bis 16:00 Uhr. Der Unterricht war deutlich einfacher als in Deutschland und ich hatte keinerlei Probleme, mit dem Stoff mitzuhalten. Dazu muss man aber auch sagen, dass die Kanadier keinen Wert auf mündliche Mitarbeit legen. Es fließt nicht in die Benotung ein. Also konnte man sich ganz entspannt an den Unterricht gewöhnen, um dann auch die Tests zu bestehen, die so ungefähr, je nach Fach, alle 2-3 Wochen geschrieben wurden. Aber auch in den Stunden wurden regelmäßig im Unterricht ausgefüllte Arbeitsblätter eingesammelt und benotet. Ich bin sehr gut mit diesem Benotungssystem zurechtgekommen, da man auf diese Weise durchgängig etwas leisten musste, aber dann für die Tests nicht mehr außerhalb der Schulzeit lernen brauchte.

Eine Stunde von Squamish entfernt liegt die Stadt Whistler am Fuße des gleichnamigen Berges, der für seinen Wintersport berühmt ist. Für den Sommer gibt es dort den, in der Radfahrer-Szene bekannten, Whistler Bike Park. Diesen durfte ich auch einmal nutzen, denn es war schon immer ein großer Wunsch von mir, dort die Trails fahren zu dürfen. Aber auch speziell Squamish ist sehr bekannt für seine gut ausgebauten und gepflegten Trails, die man jedoch selber hochfahren muss. Dafür ist die Benutzung kostenlos. So verbrachte ich viel Zeit damit, mit meinen neu gewonnenen Freunden aus aller Welt die Trails rauf und runter zu fahren. Später fingen wir auch an, uns eine alte Strecke wieder aufzubauen und zu verbessern. Das machte viel Spaß!

In der Schule fiel es mir nur ganz am Anfang schwer mich zu integrieren, aber die Kanadier sind so offen und freundlich, dass ich schon nach zwei Wochen gute Freunde gefunden hatte. Einfacher kam man jedoch mit den Internationals in Kontakt, da diese die gleiche Ausgangsituation hatten und auch nach neuen Freunden suchten, wohingegen die Kanadier ihren Freundeskreis schon hatten.

Im Garten der Scotts gab es eine Feuerstelle, die wir immer mal wieder nutzten. Es waren eigentlich immer schöne Abende mit Hot-Dogs und S’Mores (Some More). Das waren Marshmallows und Schokolade in einem Sandwich aus Keksen.

Am 12. Oktober feierten wir kanadisches Thanksgiving. Die Familie wurde eingeladen und es gab das traditionelle Truthahn-Festessen in dem Teil des Hauses, der sonst nie benutzt wurde. Es war ein sehr großes Haus, aber eigentlich wurden nur 2/3 des Hauses bewohnt. Es war alles in allem ein schönes Fest und ich habe das erste Mal alle Töchter kennengelernt. Ryleigh, Chloe und Devyn waren immer sehr nett zu mir und hatten auch interessante Geschichten zu erzählen.

Einmal bin ich mit einer großen Gruppe meiner Freunde auf den Chief gewandert. Das war ein tolles Erlebnis und der Ausblick über die Stadt war fantastisch.

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Im November, bevor die Skisaison begann, gab es in Whistler einen großen vorsaisonalen Ausverkauf, der Turkey Sale. Dort gaben die meisten Internationals viel Geld für eine eigene Skiausrüstung aus. Auch ich kaufte dort meine Ski-Accessoires. Jetzt konnte die Skisaison starten! Sobald die sie begonnen hatte, war ich jedes Wochenende und die ganzen Ferien auf dem Whistler und/oder Blackcomb Berg um Ski zu fahren. Das hat auch jedes Mal Spaß gemacht und der Schnee und das Wetter hatten alle Varianten zu bieten.

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Am Weihnachtsmorgen – in Kanada ist das der 25. Dezember – kamen die Töchter und es gab nach einem tollen Frühstück schon ein erstes Auspacken. Die Geschenke waren so eine Art Krims-Krams für alle von der Mutter besorgt. Alle hatten traditionell ihre Einteiler an. Mein Gastbruder war nicht dabei, denn er war über Weihnachten und Neujahr nach Hause, nach Chile geflogen, weil es seine Eltern so wollten. Am Abend gab es dann die richtigen Geschenke. Ich war über deren Menge überrascht. Mein Gastvater hat sich sogar am meisten über mein Geschenk für ihn gefreut. Es war eine Holztafel mit der Aufschrift: „If my dog doesn’t like you, we will probably neither.” („Wenn mein Hund dich nicht mag, mögen wir dich wahrscheinlich auch nicht.“) Abends nach dem großen Abendessen gingen dann alle nach Hause.

Erst im Januar habe ich festgestellt wer meine richtig guten Freunde sind. Mit denen werde ich lange in Kontakt bleiben und das hat sich bis jetzt auch so bestätigt. Wir waren dann eine kleine Gruppe von fünf Leuten und haben uns regelmäßig bei einem von uns getroffen. Manche davon waren Deutsche, mit denen ich mich jetzt noch ab und zu treffe. Sogar real und nicht nur über soziale Medien.

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Die kanadischen Schüler der 10. Klasse mussten in der letzten Woche des Halbjahres einen Test schreiben, der für die ganze Provinz British Columbia der gleiche war. Die internationalen Gastschüler waren davon befreit. Da die Termine für den Test über die Woche verteilt waren, brauchten die Gastschüler nicht in die Schule zu kommen. Natürlich nutzten wir unsere letzte Woche in Kanada zum Skifahren, aber auch für andere Events.

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Nicht alle Gastschüler gingen schon nach einem halben Jahr nach Hause. Besonders asiatische Schüler machten sogar ihren Abschluss in Kanada. Deswegen organisierten unsere länger bleibenden Freunde eine Abschlussfahrt nach Vancouver, mit der zu empfehlenden Besteigung des Fernsehturms, Essengehen am Ufer und einer anschließenden Fahrt zurück in einer Stretch-Limousine.

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Allgemein war das ein toller Abend und wir hatten alle viel Spaß. An unserem wirklich letzten gemeinsamen Tag aßen wir in einem engeren Kreis zusammen und gingen dann, nach einer traurigen Verabschiedung, auseinander.

Am 30. Januar 2016 war es dann für mich soweit Kanada zu verlassen. Meine Sachen waren gepackt, als mich ein Minivan bei meinem Zuhause abholte. Ich muss zugeben, als ich mich von meinen Gastbruder verabschieden musste, kamen mir die Tränen. „Das war es also?!“ habe ich mir gedacht. Es war viel zu schnell vorbei. Besonders der letzte Monat ging schneller vorüber als alles andere. Ich kam morgens in Amsterdam an und musste leider wieder sehr lange warten. Am Abend ging dann endlich mein Flug zurück in die Heimat, wo mich meine Eltern schon am Flughafen erwarteten. Als ich sie wieder in die Arme nehmen konnte, waren so viele gemischte Gefühle in mir.

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Ich freute mich zwar meine Eltern wieder zu sehen, weinte aber, weil ich wusste, dass meine bis jetzt beste Entscheidung hinter mir lag und ich viele meiner dort kennengelernten Freunde niemals wieder sehen würde. Das war es also! Das war Kanada! Das war die Beste Entscheidung meines Lebens!!!

 

Der Bericht wurde stellenweise aus organisatorischen Gründen gekürzt.