Aus den Schweizer Alpen in die kanadischen Rockies – Reiten inklusive

Erfahrungsbericht von Eva RathgebBritish Columbia

Hallo, ich heisse Eva, komme aus der Schweiz und bin jetzt 17 Jahre alt. Diese 10 Monate in Kanada waren wirklich eine super Entscheidung. Ich hatte so viel Spaß und habe so viel Neues kennengelernt.

Nachdem ich zwei Mal in Kanada war, einmal mit 12 und dann 14, habe ich mich in dieses Land verliebt. Lustigerweise war ich beide Male in British Columbia und als ich dann von einer Freundin erfuhr, was ein Austauschjahr ist, konnte es mir keiner mehr ausreden. Meine Eltern waren auch begeistert von der Idee und haben mir viel geholfen alles zu organisieren. Ohne sie hätte ich es sicher nicht geschafft.

Gastfamilie

Als ich ankam, hat mich meine Gastfamilie sehr freudig empfangen. Am ersten Abend gab es gleich Hamburger, die sie super kochen konnten. Allgemein war das Essen sehr gut, der Kühlschrank war immer gefüllt und ich musste nie hungern. Und zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Gewohnheit sehr viel zu essen, meine Gastfamilie freute sich aber daran. Ich hatte in diesem Aspekt auch mehr Glück als andere Austauschschüler, die sich zum Teil nur von Tiefkühlsachen ernähren konnten, weil ihre Gastfamilie fast nichts im Kühlschrank hatten.

Als Gastgeschwister hatte ich einen Bruder, 12 Jahre alt, der gerne Basketball, Fussball und Videospiele spielte. Dann war da noch eine Schwester, 14 Jahre alt, die ein Pferd besitzt und um ihr Leben gern ritt. Mit ihr verstand ich mich sehr gut und konnte auch in ihrem Stall reiten, weil ich selber auch schon lange und sehr gerne reite. Zusätzlich wohnte noch eine andere spanische Austauschschülerin für 4 Monate bei uns. Später, im neuen Jahr, kam ein Mexikaner, der für 3 Monate blieb.

ich und meine Gastfamilie
Halloween, spanische Gastschwester und ich
„Madonna“, unsere Katze

Als Haustiere hatten wir eine süsse alte Katze, die man wie ein Baby halten und knuddeln konnte plus einen Hund. Im Bericht der Familie stand, dass es ein Labrador wäre, darum stellte ich mir einen herzigen, weißen Labrador vor. Aber als ich ihn dann zum ersten Mal sah, erschrak ich ein bisschen. Denn ein riesen großer, schwarzer, alter Hund kann auf mich zugesprungen. Er war tatsächlich ein Labrador, halt nur in schwarz und mit Hirtenhund gemischt, von dem hatte er die Größe und die wenigen weißen Haare an der Brust, die ihn so alt aussehen ließen. Er war aber echt zum lieb haben, auch wegen seiner Dummheit. Wir vermuteten sie kam von dem Unfall, den er als Welpe gehabt hatte. Meine Gastfamilie hatte ihn eigentlich geholt, damit er Bären während dem Wandern aufspüren konnte, aber er sah sie meistens nie. Zusätzlich bellte er durchgehend wegen den kleinsten Sachen oder sogar nur, weil er gerade Lust hatte.

ich und „Prince“, unser Hund

Wohnlage und die Stadt

Unser Haus stand 20 Minuten entfernt von der Stadt Nelson, die ca. 10.000 Einwohner hatte, in einer kleinen Siedlung. Das war eher ungünstig, denn dort hatte es nichts ausser einem Spielplatz und Wiese. Plus mein letzter Bus fuhr jeweils um 17:30 von der Stadt los, das heisst ich hatte sehr wenig Zeit nach der Schule, um etwas zu unternehmen. Wenn ich jetzt nochmals wählen könnte, würde ich in die Stadt wollen, denn dort konnte man sich zumindest mit Freunden treffen, ins Gym gehen oder andere Sportarten machen, auch wenn es nicht einmal in der Stadt viel zu machen hatte. Da wäre eine Grosstadt schon viel besser.

Dafür hatte ich jeden Tag eine wunderschöne Natur zu bestaunen. Ich muss sagen, es war eine der schönsten Sachen, die ich aufzählen kann, was es lohnenswert gemacht hat. Am Morgen jeweils, in einem dieser typischen gelben Schulbusse zu sitzen, Musik zu hören und einfach nur rausschauen und den Ausblick geniessen, liess mein Herz schmelzen.

Nördliche Aussicht von unserem Haus aus

Das Haus meiner Gastfamilie war aber der Hammer. Den Ausblick auf den gegenüberliegenden Berg und das Tal hinauf und hinab werde ich nie vergessen. Wenn man auf die Wiese vor dem Haus ging, konnte man so viele schöne Sonnenuntergänge bestaunen.

Südliche Aussicht von unserem Haus aus

Dazu war das Haus recht gross und der Garten auch. Wir hatten einen grossen Pool, zwei Autos, ein Boot (das aber die meiste Zeit in der Reparatur war), sämtliche Spiel- & Sportsachen, zwei Wohnzimmer mit Fernseher und sonst genügend Platz. In der Stadt so was zu haben, wäre nicht möglich gewesen. Das Einzige zu bemängeln war das Alter und Bauweise des Hauses. Wenn man in der Küche sprang, bebte der ganze Boden. Das ganze Haus war aus Holz gebaut, heizen war schwierig wegen der schlechten Isolation und Fenster. Die Haustüre liess sich nicht richtig schliessen, sie ging ab und zu vom Wind auf, auch sämtliche andere Türen wurden nicht abgeschlossen, sei es wegen fehlendem Schloss oder Schlüssel.

In abgelegenden Siedlungen wie diese war das aber üblich. Es wurde nie eingebrochen, Kanadier sind dazu viel zu nett. Auch klauen sie fast nie, nur unsere Schule war dafür etwas anfälliger, dort waren aber auch nur Jugendliche. Dann konnte man keine zwei Energiesauger, wie Föhn oder elektrische Heizung, in die selbe Steckdose stecken, sonst fiel die Sicherung raus. Auch stürzte im Winter ein Baum wegen des Gewichts des Schnees auf einen elektrischen Leitpfosten der Nachbarschaft und wir mussten den Abend bei Kerzenlicht verbringen.

Mit der Zeit fing ich langsam an zu merken, wie sich das Leben dort so abspielte. Zum Beispiel waren Fussball und Skifahren die grössten Attraktionen. An einem Sommerwochenende waren die Fussballspiele der Schulteams gegen Auswärtige die grösste Sensation, alle kamen mit Campingstühlen, die ganze Familie, und machte es sich gemütlich im Stadtpark. Allgemein kannte sich jeder, mein Gastvater war zum Beispiel so ein Typ. In jeder Ecke traf er jemanden, den er kannte. Nelson ist zwar eine Stadt, ich hatte aber wirklich das Gefühl in einem Dorf zu leben.

Nelson war auch bekannt als Hippie-Stadt. Es gab so viele Läden, die selbstgemachte Artikel im Angebot hatten, viel zu viele Kaffees, ein paar Second-Hand Läden, vier bis fünf Skistores und einige Obdachlose. Aus irgendeinem Grund war es anscheinend einfach, dort als Obdachloser zu überleben. Man sah auch am helllichten Tag Betrunkene oder andere auf Drogen, aber die waren alle super nett und überhaupt nicht belästigend. Das gehörte zu Nelson.

Nelson

Was die süsse Stadt auch ausmachte, war ihre Hauptstrasse, an der die ganzen Läden stehen. Mit den Bäumen am Strassenrand sah es fast aus wie eine Allee. Ansonsten war alles so gebaut wie viele typische nordamerikanische Städte: in Blocks. Leider hatten sie zu viel Platz und alles war so weit auseinander und hingestreckt, man lief Ewigkeiten.

Vom Wetter her war es im Winter sehr ähnlich wie in den schweizer Bergen, nur dass es fast immer unter 0°C blieb. Im Skigebiet, das ein paar hundert Meter höher lag, war es nochmals ein bisschen kälter. Im Sommer konnte es in der Stadt aber auch richtig heiss werden mit Temperaturen über 35°C. Auf den Bergen ging es ein bisschen länger bis der Frühling einzog.

Gastvater und ich nach dem 1. Januars-Schwimm im eiskalten See

Freunde

Am Anfang nahm ich mir vor, mich nicht mit anderen Austauschschülern abzugeben, da ich englisch lernen wollte. Dies klappte auch sehr gut. Mir fiel auf, dass einige Jungs sich sehr schnell befreundeten mit mir. Ich dachte, das sei weil Mädchen ein bisschen verschlossener sind und schon ihre Grüppchen hatten. Für den Anfang hatte ich einen ziemlich guten kanadischen Freund gewonnen, merkte aber nach einer Weile, dass er etwas von mir wollte und da ich ja einen Freund hatte, distanzierte ich mich. Ich weiss jetzt gar nicht mehr mit wem ich danach viel war, aber ich glaube es war meine Gastschwester aus Spanien. Mit ihr konnte ich so richtig dumm sein und ich genoss es, mich nicht verstellen zu müssen. Das war noch im Herbst, meine überglückliche Phase neigte sich auch mal dem Ende zu und ich beschwerte mich ab und zu über die Einsamkeit. Doch das änderte sich, als die Skisaison begann.

Zuerst wusste ich nicht, mit wem ich skifahren gehen sollte, aber bald fing ich an, mich den Austauschschülern, vor allem Deutsche, anzuschliessen. So wie ich, nutzten sie auch jedes Wochenende und freien Tag aus, um den wundervollen Tiefschnee zu zerstören. Wir trafen uns immer am gleichen Ort und dann ging es los. Es war viel einfacher, als mit den Kanadiern abzumachen. Bei den Fragen wann und wo war bei ihnen war oftmals auch ein vielleicht und evtl. im Spiel. Darum zog ich die Unkompliziertheit der Internationals vor. Ich habe meine Freundesgruppe nochmals gewechselt, als die einen nach sechs Monaten gehen musste. Ich blieb aber mit ungefähr den gleichen Leuten.

So kam es, dass ich auch später in der Schule mehr mit Deutschen war. Ich hatte aber nichts dagegen, mein Deutsch hat sich nämlich auch verbessert.

Inzwischen fand ich noch eine andere, meine beste kanadische Freundin. Mit ihr unternahm ich im neuen Jahr sehr viel und sie kommt mich hoffentlich nächsten Sommer besuchen.

Meine Freunde und ich beim Skifahren

Schule

Das kanadische Schulsystem lief ganz anders ab als das Schweizerische oder auch das Deutsche. Man hatte nur vier Fächer pro Semester und vier Lektionen am Tag also jedes Fach 80 min. Jedes Fach war einen „block“, also z.B. ist Mathe immer im block 1, Englisch im block 2, etc. Diese Blöcke rotierten dann von Woche zu Woche, damit man block 1 nicht immer am Morgen früh oder zuletzt vom Tag hatte. Dann gab es Pflichtfächer wie Mathe und Englisch etc., die jeder gemacht haben musste und selber in die vier Jahre high school miteinbeziehen musste.

Im ersten Semester hatte ich Englisch, Zeichnen („art“), Sport („physical education“) und Metallarbeit („metal fabrication“). Im Zweiten hatte ich Kochen („foods“), Töpfern („ceramics & sculpture“), Fotographie („photography“) und Spanisch.

Die Atmosphäre in der Schule und in den Klassen war sehr entspannt. Kaugummis, Trinken, Essen, Caps und längere WC Pausen während der Unterrichtszeit waren total in Ordnung. Mit den Lehrern redete man über allerlei Sachen, auch über welche die nicht zum Unterricht gehörten und wenn man keine Lust hatte, konnte man dies auch laut äussern. Schwänzen hatte einen anderen Stellenwert, das System erlaubte es eigentlich sogar, zumindest gab es keine Konsequenzen, ausser dass man das Verpasste nacharbeiten musste. Man konnte den Lehrern auch locker erzählen, dass man gestern skifahren gewesen war anstatt in der Schule.

Für Austauschschüler war schwänzen schwieriger und nicht erlaubt und darum auch nicht anzuraten, da man sonst Probleme mit den Zuständigen bekam.

Die Schule bot auch viele Sportteams an, die ausserhalb der Schulzeit trainieren. Das ging von Volley- & Basketball zu Rugby und Cross-Country Running. Dies war auch eine gute Möglichkeit, neue Freunde zu finden.

Freizeit

Für mich war wichtig, in Form zu bleiben. Darum machte in meiner Freizeit viel Sport. Anfangs tritt ich dem Cross-Country Running Team bei, obwohl ich joggen nicht mochte. Denn mich hatte ansonsten nichts anderes interessiert, im Volleyball Team wurde nur rumgezickt und die Rugby Saison neigte sich dem Ende, ich konnte also als Neuling nicht einfach einsteigen.

Aber schnell wurde ich ausdauernder und dank des kleinen Schulbezirks und den wenigen anderen Mitstreiter habe ich mich für die Provinz Meisterschaften qualifiziert. Wir fuhren im Herbst nach Vancouver Island und übernachteten einmal in einem Motel. Im Rennen waren ¾ besser als ich, aber ich hatte auch nur zwei Monate Training hinter mir und war auch sonst nicht die Schnellste. Aber es war definitiv ein cooles Erlebnis.

Später, als der Winter begonnen hatte, verliess uns unser Trainer für drei Monate, weil er wegen des kalten Winters nach California zog. Er hinterliess uns einen Trainingplan, den ich für zwei Monate befolgte. Aber es war immer wieder das Gleiche und bald fand ich es langweilig. Da fing ich an ins Gym zu gehen und hauptsächlich Krafttraining zu machen und so blieb es auch bis zum Schluss.

Ich hätte zwar noch gerne Rugby gespielt, aber die Verletzungsgefahr war mir einfach zu hoch. Ansonsten gab es noch ein Boxing Studio, aber die Anfänger Stunden waren zu spät, denn mein letzter Bus nach Hause fuhr viel zu früh. Sonst gab es nichts Weiteres, der Nachteil an einer Kleinstadt.

Dafür hatte die Natur Vieles zu bieten. Im Sommer biken, wandern, baden und Klippen springen, Kanu fahren etc. und im Winter snowmobilen, touren, Schneeschuh laufen, langlaufen oder skifahren. Ich war insgesamt 33 Tage auf Skiern. Denn der Schnee war ein Traum. Dank der perfekten Lage vor den Rocky Mountains waren die Kootenay Berge dafür bekannt, besonders viel Schnee zu bekommen. Die feuchte Luft, die vom westlichen Ozean herüberzieht, entleerte sich beim aufsteigen über den Bergen. Darum hatten sie dauernd frischen Tiefschnee.

Das Skigebiet lag nur 20 Minuten von Nelson entfernt und Autostop war eine verbreitete Methode, um dorthin zu kommen. Allgemein war Autostop einfach und ungefährlicher in Nelson als andere Orten, weil alle sich verpflichtet fühlten Leute mitzunehmen, da sie selber oft in dieser Position waren. Und wie gesagt, es war ein Hippie-Volk und sehr lieb und unkriminell. Die anderen Möglichkeiten dorthin zu kommen war selbst zu fahren, um jemanden mitzunehmen, oder den Shuttle Bus, vom Skigebiet organisiert, zu nehmen. Er hatte aber nur begrenzte Plätze aber wenn man an einer frühen Haltestellen einstieg, hatte es eigentlich immer einen Platz frei.

Es war ein sehr kleines Skigebiet mit nur drei Sesselliften, aber da es überall Powder hatte, konnte man überall hinab, es gab sogar (ungemachte) Pisten durch den Wald und so wurde es nie langweilig. Gemachte Pisten gab es wenig. Wegen seiner Grösse zog es auch nicht so viele Touristen an und die Preise waren nicht allzu hoch, vor allem wenn man sich früh einen Saisonpass geholt hatte.

Die wunderschön eingeschneiten Tannen, die Weite und Leere waren einfach so unvergesslich. Ich weiss nicht wann ich diese Möglichkeit, einen ganzen Winter lang in einem so unglaublichen Skigebiet skifahren zu können, wieder habe. Doch ich habe es in vollen Zügen genossen.

Gastvater und ich beim Langlaufen

Als anderes Hobby hatte ich Reiten. Ich hatte die Möglichkeit einmal pro Woche eine Reitstunde zu haben auf dem Hof meiner Gastschwester. Leider konnte ich nie auf einen Ausritt, da sie dies nur wenig machten. Es verwunderte mich auch, dass sie dort in dieser Region englisch und nicht western ritten, denn schliesslich ist Nordamerika für Westernreiten bekannt. Meine Gastschwester nahm auch an ein paar Wettkämpfen teil, für die sie aber sehr weit fahren musste. An Einen habe ich sie begleitet. Wir mussten ca. sieben Stunden fahren und blieben dort über das ganze verlängerte Wochenende. Die Anlage war ein purer Reitertraum. Riesige Felder, einen wunderschönen Stall und ein gigantisches Military Gelände. Das sind Sprünge wie Baumstämme im Freien aufgestellt. Nur mit dem Fahrrad war es möglich sich richtig zu bewegen, ansonsten nahm man sich eine Wanderung vor. Leider durfte ich das Pferd, das ich ritt, nicht mitnehmen.

Meine Reiterfreunde

Ankunft zu Hause

Was mich wirklich verwunderte, war, dass alles gleich blieb. Die Orte, die Menschen, die Beziehungen mit ihnen, alles blieb gleich, bis auf ein paar Kleinigkeiten natürlich. Was mir Schwierigkeiten machte war die Sprache. Zum Teil wusste ich nicht mehr wie man etwa sagt oder ich vergass ein Wort. Auch diesen Text zu schreiben war nicht einfach, es schlichen sich oft englische Ausdrucksweisen ein, aber ich gewöhnte mich schnell wieder daran.

Zum Schluss noch ein riesiges Danke an meine Eltern, die mir diese lebenslängliche prägende Erfahrung ermöglicht haben.

Ein paar Eindrücke der kanadischen Schneelandschaft und Skigebiet