1 Semester in BC geplant … und dann kam Covid-19

Erfahrungsbericht von Amelie SchmidtkeBritish Columbia

Hi, ich bin Amelie und ich entschied mich dazu, einen Auslandsaufenthalt in Kanada für 5 Monate zu machen. Das lief letztendlich aber nicht so wie es geplant war.

Doch alles fing damit an, dass mein Nachbar mit ISEC einen Auslandsaufenthalt machte und sehr zufrieden war. Daher entschied ich mich ebenfalls für die Organisation, als mir bereits klar war, dass ich nach Kanada wollte. Warum? Ich finde Kanada ist ein Land über welches wir hier in Deutschland sehr wenig wissen und reden und daher wollte ich dieses Land für mich selbst erkunden und kennenlernen.

ISEC half mir sehr dabei, zu entscheiden, in welche Provinz es für mich gehen sollte etc.. Ich entschied mich schlussendlich für British Columbia, genauer gesagt Ladner im Großraum Vancouver. Ladner ist ein sehr schöner kleiner Ort in Delta, der ca. 40min entfernt von Vancouver liegt.

Meine Gastmutter, meine Gastschwester, die beiden Hunde Rowan und Fin und ich.

Ungefähr 1,5 Monate vor meinem Abflug, den ich um die Zeit schon gebucht hatte, erhielt ich eine E-Mail, dass mir eine Gastfamilie zugeteilt wurde. Ich kam in eine Familie, in der Vater und Mutter beide Lehrer waren und ich hatte eine Gastschwester, Olivia, die 14 Jahre alt zu dem Zeitpunkt war und einen Gastbruder, Richard, der 18 Jahre alt war. Beide Geschwister waren adoptiert, was allerdings keinen großen Unterschied machte. Ebenfalls besaß meine Familie zwei Hunde und eine Katze.

Die Katze der Familie namens Saffy

Von dem Tag als ich meine Gastfamilie bekam war ich aufgeregt und freute mich riesig auf eine unvergessliche Zeit in Kanada.

Ende Januar 2020 fing meine Reise auch schon an. Dazu muss ich sagen, dass es um diese Zeit den Corona Virus schon gab und er sich auch schon langsam ausbreitete. Allerding ging keiner davon aus, dass es jemals so schlimm werden würde.

Ich flog das erste Mal in meinem Leben alleine, wovor ich ein bisschen Respekt hatte. Letztendlich klappte aber alles sehr gut und ich flog von Hamburg nach Frankfurt und von Frankfurt nach Vancouver ohne Probleme.

Am Flughafen holte mich mein Gastvater ab. Ich machte mir viele Gedanken darüber, wie es wohl sein würde mit ihm 40min im Auto zu sitzen und die ganze Zeit reden zu müssen. Doch es stellte sich als nicht so schlimm heraus wie ich angenommen hatte, und obwohl ich an das Englisch sprechen zu dem Zeitpunkt noch nicht so gewöhnt war unterhielten wir uns viel.

In Ladner angekommen fuhren wir erstmal an unserem Haus vorbei, um meine Gastschwester von der Schule abzuholen und gleichzeitig gab mir mein Gastvater eine kleine Tour durch Ladner.

Olivia und ich

Meine Gastschwester Olivia machte einen total netten Eindruck auf mich. Als wir dann endlich zuhause ankamen, zeigte mir mein Gastvater mein Zimmer und ich packte dort direkt meine Koffer aus. Auf einmal rief mein Gastvater hoch, dass er und Olivia eben eine Freundin abholen würden. Also dachte ich, ich wäre alleine, als mein Gastbruder in meiner Zimmertür stand und nichts sagte. Ich sagte ihm hi und er verschwand wieder ohne etwas zu sagen. Ich fand es ein bisschen komisch,  machte mir aber weiter keine Gedanken darüber. Später erfuhr ich, dass er unter einer Disability leidet, so dass ihm einiges, was für uns ganz normal ist, einfach schwer fällt.

Als ich fast fertig war stand dann meine Gastschwester mit ihrer besten Freundin Ella in der Tür, die beiden unterhielten sich kurz mit mir und fragten mich dann ob ich mit ihnen in die nahegelegene Mall gehen wolle. Obwohl ich total müde war ging ich mit den beiden in die Mall und wir hatten total viel Spaß und eine richtig gute Zeit.

Bei der Rückkehr aus der Mall lernte ich dann am selben Abend meine Gastmutter kennen und Sie gab mir dann eine kleine Tour von ihrem Haus.

Ich überreichte meiner Gastfamilie meine Gastgeschenke, die ich Ihnen aus Hamburg mitbrachte und wir aßen alle gemeinsam Pizza. Ich war fix und fertig nach dem Tag und ging direkt schlafen. Mein erster Eindruck von meiner Gastfamilie war total gut und ich war sehr glücklich. Mit der Zeit lebte ich mich immer mehr ein und gewöhnte mich immer mehr daran Englisch zu sprechen und wurde dementsprechend auch immer lockerer was das Sprechen auf English anging.

Mein Ausblick aus meinem Zimmer in Ladner

Mein erster Tag in der Schule lief überraschend gut ab. Ich war zuvor total aufgeregt und durch mein Jetlag war ich schon um drei Uhr morgens wach. Mein Gastvater fuhr Olivia und mich in die Schule und Olivia führte mich dort ein bisschen herum, bis wir dann im Sekretariat ankamen, wo ich schon ein paar andere Austauschschüler traf, mit denen ich bis heute sogar noch Kontakt habe. Jedenfalls trafen mit der Zeit immer mehr International Students ein und wir gingen dann alle zusammen in einen Klassenraum und lernten uns dort gegenseitig kennen, ferner gab es auch eine kleine Einführung in die Schule. So teilte man uns beispielsweise die Regeln der Schule mit, wo wir was fanden und wir bekamen einen Guide, der uns für eine Woche in der Schule von Raum zu Raum führte. Am aller aufregendsten war es für mich meinen eigenen Locker zu bekommen, da ich an meiner Schule in Deutschland einen solchen nicht habe.

Mein Unterricht begann immer um 08:30 Uhr und endete um 14:50 Uhr. Doch an meinem ersten Tag durften wir Internationals schon um 11:30 Uhr nach Hause gehen.

Mit der Zeit gewöhnte ich mich immer mehr an das kanadische Schulsystem und hatte immer total viel Spaß in die Schule zu gehen. Besonders gut gefielen mir die Pausen. Nicht weil wir dort keinen Unterricht hatten, sondern weil es einfach total anders zu meiner Schule in Hamburg war. Wir saßen immer in riesigen Gruppen von Kanadiern und anderen Austauschschülern an den Cafeteria-Tischen  zusammen und teilten uns unser Essen und unterhielten uns und lachten ganz viel. Das war wirklich ein schönes Gefühl von Gemeinschaft, was ich so aus Deutschland nicht kenne.

Ich entschied mich dafür, insgesamt acht Schulfächer zu nehmen welche dann letztendlich folgende waren: Math, English, Science, Acting, Photography, Baking, Technology, PE.

Am besten gefielen mir davon Acting und English. Einfach aus dem Grund, weil beide dieser Fächer mich positiv überraschten.

Ich war zunächst skeptisch ob ich Theater überhaupt mögen würde, aber ich wurde dort von einer sehr netten Lehrerin, netten Schülern und mega coolem Unterrichtsstoff empfangen. Acting brachte mich dazu über meinen eigenen Schatten zu springen und selbstbewusster zu werden, wofür ich heute sehr dankbar bin.

In English hatten wir am Ende das Thema Lyrik, was ich im Deutsch-Unterricht in Hamburg schon immer hasste. In Kanada brachte man mir das Thema ganz anders bei und ich hatte total viel Spaß daran, Gedichte zu analysieren und meine eigenen Gedichte zu schreiben.

Meine Freundin Jacky und ich vor unserer Schule

Als ich meine Freundesgruppe fand, nach ungefähr drei Wochen, traf ich mich immer öfter auch außerhalb der Schule mit anderen Leuten. Am meisten unternahm ich mit meinen zwei Freundinnen aus Brasilien, meiner Freundin von den Philippinen und meiner deutschen Freundin, die ich dort kennenlernte, die lustigerweise auch aus Hamburg kam. Wir unternahmen oft Dinge zusammen wie beispielsweise Fahrradtouren durch Ladner, shoppten ab und zu in der Mall dort, besuchten zusammen Vancouver, spielten im Park Frisbee, liefen Schlittschuh oder gingen nach der Schule in ein Café und unterhielten uns.

Meine Freunde und ich haben im Park den 18. Geburtstag von der Freundin mit den Zöpfen gefeiert

Mit meiner Gastfamilie machte ich nicht allzu viele Ausflüge, was ich sehr schade fand. Nichts desto trotz war ich einmal im Schnee snow shoeing und snow tubing. Dieser Trip und noch einige mehr wurden von der Schule bzw. dem Austauschprogramm angeboten. Doch leider war dieser der einzige Trip der während meiner Anwesenheit in Kanada stattfand dadurch, dass Covid-19 dann zu einer immer größeren Bedrohung wurde.

Ich war erst fünf Wochen in der Schule in Kanada als die März-Ferien (spring break) begannen. Erst in der zweiten Ferienwoche fragten wir uns, ob wir überhaupt nach den Ferien aufgrund der Corona Ausbreitung wieder in die Schule gehen würden. Als sich herausstellte, dass wir erstmal nicht in die Schule gehen würden, waren meine Gastschwester und mein Gastbruder total glücklich und ich und meine Freunde waren sehr traurig darüber den Schulalltag nicht mehr leben zu dürfen. Jedoch hatten alle international students die Hoffnung, dass die Schule nach ein paar Wochen wieder öffnen würde, was leider nicht der Fall war.

Unsere Radtouren in der Corona Zeit

In den März-Ferien verbrachte ich eine ganze Woche mit meinen Freunden in einem Park, der zwei Minuten von mir entfernt war. Wir frühstückten alle zuhause und trafen uns dann im Park. Zwei von uns gingen dann in den Supermarkt, der zehn Minuten entfernt war und kauften etwas zu Essen für die Mittagszeit während die anderen in der Sonne lagen oder Frisbee spielten.

Meine Freunde und ich während der unzähligen Sonnenuntergänge, die wir gesehen haben

Ab der zweiten Ferien Woche durfte ich nur noch eine Freundin sehen laut meiner Gastfamilie, die damit die social distance Regel umsetzten. Ich entschied mich für meine Freundin Jacky aus Hamburg. Dadurch, dass nur noch wir uns sehen durften sahen wir uns fast jeden Tag. Manchmal nur wir zwei, andere Tage waren wir mit ihrer Gastschwester und meiner Gastschwester unterwegs. Wir schauten uns alle zusammen fast jeden Abend den Sonnenuntergang an und Olivia und ich schauten danach immer noch einen Film.

Ich kam in der Corona Zeit in eine richtige Routine, was sich total cool für mich anfühlte. Diese Routine begann damit, dass ich erst spät gegen zehn Uhr aufwachte (meist von den Hunden oder von meiner Gastmutter geweckt, die entweder staubsaugte oder sehr laut sprach). Ich ging dann hinunter und traf meist erst auf meinen Gastvater, mit dem ich dann immer kurz small talk hielt. Danach frühstückte ich und ging dann wieder nach oben in mein Zimmer, um mich für den Tag fertig zu machen, obwohl wir nur selten etwas unternahmen. Ich setzte mich dann meistens runter an den Küchentisch oder auf das Sofa und malte etwas oder hörte Musik. Als dann das homeschooling anfing, erledigte ich in der Zeit meine Aufgaben, welche meist total einfach waren. So gegen 13:00 Uhr wachte meine Gastschwester Olivia dann auf und wir saßen auf dem Sofa und unterhielten uns. Wenn das Wetter gut war setzten wir uns auch ab und zu auf das Trampolin im Garten oder gingen mit den beiden Hunden in den Park.

Am frühen Abend gab es dann immer Abendbrot und danach fuhren ich mit Olivia, Jacky und ihrer Gastschwester Kennedy zu unserem besonderen Ort, wo man den Sonnenuntergang total gut beobachten konnte. Das machten wir dann, bis uns kalt wurde und wir zurückfuhren. Entweder gingen Olivia und ich dann in den Whirlpool im Garten oder wir backten etwas. Meist machten wir uns danach bettfertig und gingen in das zweite Wohnzimmer in der oberen Etage, um einen Film zu schauen. Das war ein normaler Tagesablauf während ich in Kanada war und dort Quarantäne lebte.

Selten machte ich mit meiner Gastfamilie einen Ausflug, die aber immer sehr schön waren. Wie das eine Mal als wir nach Chiliwack fuhren, um eine Freundin meiner Gastmutter zu besuchen.

Obwohl ich nur 40min von Vancouver entfernt wohnte, war ich leider nur zwei Mal dort, da ich 6 Wochen nach meiner Ankunft in Kanada Quarantäne lebte. Dennoch gefiel mir Vancouver sehr gut. Ich glaube sogar das Vancouver die schönste Stadt ist, die ich je gesehen habe, einfach weil man das Meer, die groß Stadt und die Berge mit Schnee in einem Blickfeld und an einem Ort zusammen hat.

Einer meiner wenigen Besuche in Vancouver

Das Absurdeste was ich in der ganzen Zeit erlebte, war allerdings mein Rückflug nach Hause. Ich musste leider schon wieder nach 2,5 Monaten zurück nach Hamburg, da die Situation um Corona Ende März immer brenzliger wurde und es hätte sein können, dass kein Flugzeug von Vancouver nach Toronto mehr fliegen würde. Somit wollte meine Mutter mich nach Hause holen, bevor ich für eine längere Zeit in Kanada festsitze.

Zurück flog ich mit Jacky und einem anderen Mädchen, die wir am Flughafen in Vancouver kennenlernten. Der Flug von Vancouver nach Toronto war überraschend voll. Es gab auf dem ganzen Flug vielleicht drei freie Sitzplätze. Der Flughafen in Vancouver war allerdings sehr leer und ein Teil war sogar abgesperrt.

Der absolut verrückteste Flug, den ich je hatte

Da es keinen anderen buchbaren Flug gab, hatten wir zehn Stunden Wartezeit am Flughafen in Toronto. Dort fing es an ein bisschen gruselig zu werden. Es waren keine Menschen am Flughafen außer ein paar wenige Verkäufer und die Passagiere aus unserem Flugzeug. Während der zehn Stunden, die wir am Flughafen waren, redeten wir ganz viel und erkundeten den gesamten Flughafen. Kurz vor unserem Flug nach Frankfurt trafen wir uns noch mit einer alten Freundin von mir, die ebenfalls für nur 2,5 Monate in Kanada war.

Das Flugzeug nach Frankfurt war sehr groß und hatte nur um die 40 Passagiere. Jeder von uns hatte eine komplette Sitzreihe von 3 oder 5 Sitzen für sich, was total Hammer war und eine Erfahrung, die ich so wahrscheinlich niemals wieder erleben werde. Noch krasser war der Flug von Frankfurt nach Hamburg, da es nur insgesamt 10 Passagiere im Flugzeug gab, davon waren wir zu dritt als Austauschschüler, die nach Hamburg flogen.

Zurück in Deutschland brauchte ich erst mal wieder ein bisschen Zeit, mich wieder einzugewöhnen. Ich drehte mich jedes Mal um, wenn jemand in der Öffentlichkeit Deutsch sprach, weil ich immer noch daran gewöhnt war die ganze Zeit Englisch zu hören und zu sprechen.

Außerdem war es für mich sehr traurig Kanada nach der Hälfte der geplanten Zeit verlassen zu müssen. Ich wäre sehr gern länger und bis zum Ende geblieben.

Auch wenn mein Auslandaufenthalt nicht so ablief wie geplant, bin ich jedoch sehr glücklich so viele nette Menschen kennengelernt zu haben. Ich habe mit dem Großteil meiner Bekanntschaften auch bis heute noch Kontakt und plane jetzt schon einen Besuch nach Kanada zu machen, um das, was ich mir nicht anschauen konnte, nachzuholen und um mich mit meinen Freundinnen dort zu treffen.