Trotz Corona eine einmalige Erfahrung

Erfahrungsbericht von Fabiana LützkendorfBritish Columbia

Hallo! Ich heiße Fabiana, komme aus Hamburg (Deutschland) und bin im Juni 16 Jahre alt geworden. Von Ende Januar bis Anfang Juli dieses Jahres habe ich gut 5 Monate in Kimberley, British Columbia verbracht, die komplett anders als erwartet waren, jedoch mit vielen ereignisreichen Erlebnissen. 

Damals wollte ich erst gar kein Auslandsjahr machen, aber nachdem ich mit vierzehn Jahren mit meiner Familie eine Reise in den Westen von Kanada unternommen hatte, hat sich meine Meinung dazu doch geändert. Die wunderschöne Natur und die freundlichsten Menschen, die ich je kennengelernt habe, stimmten mich um. Diese Erfahrung wollte ich mir dann doch nicht entgehen lassen. Ich habe mich nur für fünf Monate Aufenthalt entschieden, da ich nicht so viel Schulstoff aus der 10. Klasse verpassen wollte und direkt in die Oberstufe aufrücken wollte. Im Nachhinein habe ich dies schon ein bisschen bereut.

Für mich ist es eine ziemlich große Umstellung gewesen in einem kleinen Dorf mit nur etwas mehr als 7.000 Einwohnern zu leben. Jedoch habe ich mich dort relativ schnell eingelebt. Kimberley habe ich mir deshalb ausgesucht, weil ich als Stadtkind gern einmal auf dem Land leben wollte mit einer kleineren Schule und als absoluter Skifan unbedingt in einem guten Skigebiet in den Rockies Skilaufen wollte. Ich würde jedem, der wirklich die Natur und das Leben in Kanada genießen möchte, empfehlen, so ein Auslandsjahr oder Halbjahr dort zu machen.

Am Flughafen bin ich von meiner Gastmutter und meiner spanischen Gastschwester, die schon ein halbes Jahr da gewesen war, herzlich empfangen worden. Als erstes sind wir in der „Platzl“ etwas essen gegangen. Die sogenannte „Platzl“ ist dort Downtown, es gibt hier einige Geschäfte und Restaurants. Nach dem Essen sind wir zu meinem neuen Zuhause gefahren. Ich habe sofort einen Hausrundgang bekommen und dann sind mir meine Aufgaben im Haushalt während meines Aufenthalts und die Essenszeiten mitgeteilt worden. Meine Gastfamilie ist mir schon direkt von Anfang an sehr sympathisch gewesen und ich habe mich sofort wohl gefühlt. Der darauffolgende Tag war noch Wochenende, deshalb konnte ich Zeit mit meiner Gastschwester verbringen, in Ruhe auspacken und mich auf meinen ersten Schultag vorbereiten. 

Erstes Foto mit meiner Gastmutter, meiner Gastschwester und mir am ersten Abend

Der erste Schultag war dann noch kein richtiger Schultag. Wir wurden am Eingang direkt von unserem Koordinator empfangen und in einen Raum gebracht, in dem uns erst einmal alle grundlegenden Dinge erklärt wurden. Uns wurden unsere Stundenpläne gegeben und jedem ein Schließfach zugeteilt. Beides konnte man im Laufe der Woche nach Wunsch noch ändern. Daraufhin wurde uns in kleinen Gruppen von Kanadiern die Schule gezeigt. Danach hatten wir dann die ersten zwei Unterrichtsstunden. Das war bei mir Foods Studies. In diesem Schulfach kocht und backt man viel, weshalb mir das besonders viel Spaß gemacht hat. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass man überhaupt solch ein Unterrichtsfach belegen könnte. Als ich in den Klassenraum kam, hat mich eine Mädchengruppe sehr nett angelächelt, so dass ich mich zu ihnen setzte. Sie waren alle sehr offen und nett und haben mich gleich mit einbezogen. Danach war Orientation mit dem Programm und auch anderen internationalen Schülern aus anderen Dörfern. Das war eigentlich ganz nett. 

Die Schule generell war ziemlich einfach im Verhältnis zu meinem Gymnasium in Deutschland. Ich hatte nur vier Fächer: Mathe, Englisch, Food Studies und Outdoor Education. Am Anfang habe ich Geschichte anstatt Englisch gehabt, dies wechselte ich aber, weil ich in Geschichte schon in den ersten Stunden Schwierigkeiten bekam. Das Wechseln ging ziemlich einfach und ich habe auch mitbekommen, dass einige ihre Fächer ebenso gewechselt haben. Für meine Kurse musste ich eigentlich kaum lernen. Hausaufgaben habe wir gar nicht aufbekommen. Selten habe ich etwas Zuhause fertigstellen müssen, was ich im Unterricht nicht geschafft oder wenn ich mal eine Stunde verpasst habe.  

Während des Outdoor Education Unterrichts auf den Bergen und Lawinentraining absolvieren

In Outdoor Education gab es für mich die meisten tollen Erlebnisse. Wir unternahmen viel draußen, wir sind zum Beispiel Schneeschuhwandern gewesen oder machten Ski-Langlauf. Wir sind sogar auf einem dreitägigen Trip nach Lake Louise gewesen, wo wir in kleinen Bungalows mitten im tiefen Schnee übernachteten. Tagsüber wurde Ski-Langlauf gemacht. Erst bin ich nicht so ganz vom Trip überzeugt gewesen, weil ich Ski-Langlauf generell nicht so mochte und dabei auch meine Schwierigkeiten hatte. Wenn ich jetzt aber zurückblicke, war das eine so großartige Erfahrung, die ich für mein Leben lang behalten werde. Außerdem gab es für uns Lawinen-Training. Jeder, der wollte, konnte am Ende nach einem Test ein Zertifikat bekommen, für das man weniger gezahlt hat, als es normalerweise gekostet hätte. Soweit ich weiß haben fast alle im Kurs dieses Angebot angenommen.  

Meine Outdoor Education Klasse auf dem Langlauf – Trip
Meine Freunde und ich auf dem Trip in Nipika nach einer Eishockey Session

Einen weiteren Trip habe ich vom Programm aus mit all den internationalen Schülern dort vor Ort gemacht. Dieser ging nach Nipika mit einer Übernachtung. Das war sehr lustig. Wir sind Schlittschuh gelaufen, haben Ski-Langlauf gemacht, sind gerodelt und noch vieles mehr. Der Trip war in der gleichen Woche wie der Trip von Outdoor Education, weshalb ich nach dieser Woche ziemlich kaputt war, aber es hat sich wirklich sehr gelohnt. Eigentlich war es eine normale Schulwoche, weshalb ich Schulstoff verpasst habe, aber den konnten wir dann in den nächsten Outdoor-Stunden nachholen.

Es war einfacher als gedacht in Kanada schnell Freunde zu finden. Ich habe schon vor meinem Auslandshalbjahr ein wenig Befürchtungen gehabt. Besonders gut verstand ich mich mit den anderen internationalen Schülern. Dann hatte ich auch deutsche, mexikanische und spanische Freunde. In der Schule lernte ich auch ein paar Kanadier kennen. Aber leider kam ich nie wirklich dazu mich mit ihnen noch einmal zu treffen, denn dann kam plötzlich auch hier Corona. Trotzdem habe ich immer noch Kontakt mit einigen.

Skifahren mit einem Freund mit wunderschöner Aussicht
Unsere Aussicht aufs Eishockey Spiel, welches ich fast jedes Wochenende gesehen habe

Nach der Schule war ich eigentlich jeden Tag in „Downtown“. Dort verbrachte ich die meiste Zeit mit meinen Freunden. Man musste echt aufpassen, dass man nicht zu viel Geld für Essen dort ausgab. Ich sollte immer um 17:30 Uhr Zuhause sein fürs Abendessen. Das war sehr ungewohnt, weil ich in Deutschland normalerweise nicht so früh esse, aber bald war das für mich auch kein Problem mehr. Meist waren am Freitag oder Samstag Hockey-Spiele, zu denen ich immer hinging und am Fanshop-Stand mithalf. So half ich die erste Hälfte mit und die zweite konnte ich zuschauen ohne Eintritt zu bezahlen, oder andersherum. Am Wochenende war ich meist auf dem Skiberg und fuhr mit Freunden Ski. Ich hatte Glück, ein Freund dort schenkte mir seine Skisachen, die er nicht mehr brauchte, die anderen kauften sich ihre Sachen teilweise in Secondhand-Läden. Man konnte auch Donnerstag und Freitag abends Nachtski fahren, was ich leider nur zwei Mal miterleben konnte. Einmal konnte ich sogar noch Snowboard ausprobieren. Ein Freund brachte mir das bei. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, aber man braucht echt viel Geduld dazu. 

Ich beim Nachtskifahren das erste Mal auf einem Snowboard

Corona-Zeit 

Leider war mein Auslandshalbjahr generell ziemlich anders als erwartet. Mein letzter Schultag war der letzte vor den Märzferien, also Springbreak. Meine Gastfamilie und ich wollten eigentlich für 10 Tage nach Mexiko in den Urlaub fliegen, alles war schon gebucht, allerdings wurde diese Reise einen Tag vorher abgesagt wegen Corona. Alles ging auch dort ziemlich schnell vorbei. Der Skiberg wurde als nächstes geschlossen. Dann, als die Schule eigentlich wieder beginnen sollte, wurde bekannt gegeben, dass diese vorrübergehend geschlossen sein würde. Die ersten internationalen Schüler sind zu diesem Zeitpunkt schon nach Hause geflogen. Entweder, weil ihre Eltern dies wollten oder deren Organisation nicht die Verantwortung für alles Weitere übernehmen wollte. Das war schon sehr traurig für alle. Nach und nach gingen immer mehr, bis dann auch plötzlich meine Gastschwester nach Hause fliegen musste. Das war mit das Traurigste, aber man konnte nichts machen.

In Quarantäne durften wir uns mit niemanden treffen und meine Gastmutter konnte in der Zeit auch nicht arbeiten. So verbrachte ich fast zwei Monate mit meiner Gastmutter. Wir verstanden uns zum Glück sehr gut und sie ist für mich in der Zeit wie eine zweite Mutter geworden. Zum Glück war sie in allem ein bisschen lockerer, sodass ich wenigstens eine deutsche Freundin treffen durfte, deren Gasteltern auch ziemlich entspannt waren. Sie wohnte dort nicht weit von mit entfernt. Wir waren viel spazieren und haben sehr viel zusammen gebacken. Diese Freundin ist auch jetzt noch eine sehr gute Freundin von mir und ich habe mich mit ihr, nachdem wir wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind, schon zwei Mal getroffen. 

Der erste Monat in Quarantäne in Kanada war vom Wetter her ziemlich schön und meine Gastmutter und ich haben uns viel gesonnt. Die Monate danach waren leider nicht so schön und somit wurde Netflix zur Hauptbeschäftigung. Wir haben allerdings auch dort Online-Schule gehabt. Uns wurden Aufgaben für die Woche zugeschickt und wir konnten uns selbst einteilen was wir wann erledigen wollten. Ich hatte leider alle Sachen nach ein bis zwei Tagen fertig, sodass mir oft langweilig war. Daher kaufte ich mir dann zur Beschäftigung Sachen zum Malen. 

In manchen Unterrichtsfächern hatten wir auch Online Klasse über Microsoft Teams. Das konnte man aber nicht mit normalem Unterricht vergleichen. Wir konnten Fragen zum Thema stellen und Sachen besprechen. Meist ging das dann nur so um die 15 Minuten lang. Das Highlight in der Woche war immer nach Cranbrook zu fahren. Das ist die nächstgrößere Stadt, wo wir meist Einkaufen waren und zu Starbucks, Booster Juice oder Dairy Queen gefahren sind.  

Wir hatten vom Programm jeden Donnerstag Zoom Meeting, in dem wir uns alle wiedersahen und über den neusten Stand der Dinge redeten. Gegen Ende Juni waren nur noch fünf internationale Schüler von 24 übriggeblieben. Es war zu dem Zeitpunkt auch ziemlich schwierig irgendwelche Flüge nach Hause zu bekommen. Auch ich habe einige Schwierigkeiten gehabt, bis ich nach dem dritten Anlauf dann endlich am 3. Juli wieder in Deutschland bei meiner Familie angekommen bin.  

An meinem 16. Geburtstag im Restaurant mit meiner Gastfamilie

In den letzten Wochen in Kanada hatte ich sogar noch meinen 16. Geburtstag, den ich dort mit meiner deutschen Freundin und meiner Gastfamilie klein feiern konnte. Die Tage darauf fuhr mich noch der Sohn meiner Gastmutter, der auch oft bei uns zu Besuch war, zu Wasserfällen und anderen Aussichtspunkten. Das war wirklich schön und eine gute Abwechslung für mich. Aber das Beste, was er mit mir noch unternommen hat, war Quad fahren. Das war noch für mich ein besonderes Highlight zum Schluss.  

Mein erstes Mal Quadfahren, einer der besten Erlebnisse

Der Abschied von meiner Gastfamilie fiel mir sehr schwer. Diese besondere Zeit, auch gerade wegen Corona, hat mich mit meiner Gastmutter schon ziemlich zusammengeschweißt. Den Kontakt möchten wir beide auf jeden Fall halten. Ich bin sehr glücklich, dass ich diese Erfahrung machen durfte, obwohl ich nicht wie erwartet das erleben konnte, was man normalerweise als Austauschschüler erleben würde. Und trotzdem bin ich unendlich dankbar dafür, dass mir diese Gelegenheit geboten wurde.

Alle internationale Schüler von den Rocky Mountains zusammen beim Skitrip nach Fernie