Canada – A Dream Come True

Erfahrungsbericht von Henning SteinBritish Columbia

Der Traum von Kanada wurde am 23. August 2021 für mich Wirklichkeit, als ich in Frankfurt in das Flugzeug nach Vancouver stieg, ein aufregendes Erlebnis. Doch hat es sich tatsächlich gelohnt, die Komfortzone „Heimat“ zu verlassen?

Hallo, mein Name ist Henning, ich bin 17 Jahre alt und ich habe sieben Monate in South Slocan gelebt, wo ich die Mount Sentinel High School besuchte. South Slocan ist ein kleines Dorf in der Nähe von Nelson BC, was circa 500 Kilometer Luftlinie östlich von Vancouver liegt. In diesem Erfahrungsbericht möchte ich euch rückblickend auf meine ereignisreiche Reise nach Kanada mitnehmen.

South Slocan Village

Doch von vorne. Schon immer wollte ich Kanada bereisen, allerdings hielt ich es nie für möglich, gleich sieben Monate im Land des Ahorns zu verbringen. In der neunten Klasse, also vor zwei Jahren, dachte ich konkreter darüber nach, eine Schule im Ausland zu besuchen. Leider hielt mich der Ausbruch der Corona-Pandemie und die daraus resultierenden Grenzschließungen und Reisewarnungen davon ab, Pläne festzumachen.

Anfang Mai 2021, als das Reisen wieder möglich wurde, entschied ich mich, in die genaue Planung meines Auslandaufenthaltes von angedachten vier Monaten zu gehen. Das war eine herausfordernde Angelegenheit, inklusive Reise zur Servicestelle der kanadischen Botschaft in Berlin, zum Erfassen meiner biometrischen Daten. Alle meine Dokumente für die Einreise nach Kanada mussten in kürzester Zeit bis zum 15. Mai bei der kanadischen Botschaft vorliegen. Glücklicherweise klappte alles und ich erhielt einen Monat später mein ersehntes Study Permit. Darüber hinaus wählte ich meine Schule und entschied mich ganz bewusst für eine sehr kleine Schule mit circa 320 Schüler/innen und nur wenigen anderen Austauschschüler/innen, was sich im Nachhinein als eine sehr gute Entscheidung herausstellte.

Dann begann die Vorbereitungsphase mit Packen, Organisieren und einen Kontakt zu meiner Gastfamilie aufzubauen, nachdem die Familie für mich ausgesucht wurde. Ich schrieb einige E-Mails mit meiner Gastfamilie und sprach einmal über Facetime mit ihnen, das half mir dabei, mich noch besser auf den anstehenden Aufenthalt vorzubereiten und gleich am Anfang einen guten Kontakt mit der Gastfamilie zu knüpfen.

Nachdem alle Vorbereitungen und traurigen Abschiede in Deutschland vorüber waren, ging das große Abenteuer los. Große Sorgen hatte ich vor dem Flug nicht, obwohl es mein erster Flug überhaupt und dann gleich nach Kanada war. Glücklicherweise verlief die Reise problemfrei.

Doch die Einreise nach Kanada, kostete mich sehr viel Zeit; der Flughafen in Vancouver war ein wenig unübersichtlich und es gab ewig lange Warteschlangen. Erfreulicherweise gibt es genügend Personal, das bei Fragen zur Verfügung steht und man geht selten alleine durch die Immigrationsbehörden, da auch noch andere International Students, die vor der gleichen Herausforderung stehen, dort sind.

Meinen aller ersten Eindruck einer kanadischen Stadt bekam ich auf der Fahrt im Bus vom Flughafen zum Hotel, vorbei an Hochhäusern und den typisch kanadisch/amerikanischen Häusern. Es fühlte sich einfach unglaublich an, die erste Herausforderung gemeistert zu haben und jetzt ein neues Land kennenlernen zu dürfen; somit war mein Traum das Land Kanada zu bereisen Wirklichkeit.

Das Flugzeug wird mich in die Kootenays bringen

Am nächsten Morgen, nach einer Nacht alleine im Hotel, ging es für mich weiter. In einem sehr kleinen Flugzeug, mit nur wenigen Passagieren, flog ich in die Richtung der Rocky Mountains, genauer gesagt in die Region der West-Kootenays. Im Flugzeug machte ich mir Gedanken, wie wohl meine erste Begegnung mit meiner Gastfamilie sein würde.

Da ich die Familie bereits auf Fotos und Facetime gesehen hatte, erkannte ich meinen Gastvater, der mich an dem kleinen Provinzflughafen abholte. Unwissend, wie die nächsten Monate ablaufen würden, freute es mich, mich mit ihm auf der Fahrt zu meinem neuen zu Hause zu unterhalten. Glücklicherweise hatte ich zwei Wochen kanadischer Schulferien, da meine Quarantäne aufgrund der neuen Corona-Bestimmungen kurzfristig aufgehoben wurde. Es war für mich sehr gut, zwei Wochen Zeit zu haben, meine Gastfamilie besser kennenzulernen und mich an die völlig neue Umgebung zu gewöhnen.

Die Gastfamilie bestand aus meinen Gasteltern und meinen beiden Gastbrüdern, die elf und sechzehn Jahre alt waren und sie hatten noch zwei Meerschweinchen und eine Katze.

Dirtbiken im Garten

In diesen zwei Wochen Ferien unternahm ich sehr viel mit der Familie: wir machten Fahrradtouren, gingen schwimmen in dem Fluss, der sich direkt neben dem Haus befand, unternahmen Wanderungen und meine Gastfamilie brachte mir Fischen auf ihrem kleinen Motorboot bei; auch wurde ich direkt in das sehr kanadische Hobby meines Gastbruders eingeführt, nämlich Dirtbiking. Er hatte eine selbstgebaute Motorcross-Strecke auf dem zwölf acre großen Grundstück der Großeltern. Als ich dieses das erste Mal erblickte, faszinierte mich die riesige Fläche mit alten landwirtschaftlichen Gebäuden und Maschinen. Gerade in der ersten Zeit fühlte ich mich manchmal, als würde ich in einem nordamerikanischen Film leben, aufgrund der Häuser, Autos, Sprache, Landschaft und Menschen.  Zu guter Letzt erkundete ich die nächstgelegene Stadt Nelson, die mit 10.000 Einwohnern die größte Stadt in der Gegend ist, und 20 Autominuten von unserem Haus entfernt lag.

Blick über die Stadt Nelson
Kennenlernen der Umgebung
Auf dem Motorboot

Viel zu schnell neigte sich meine Ferienzeit in Kanada dem Ende zu und ich fieberte auf den ersten Schultag hin. Da ich nicht genau wusste, was mich erwarten würde, war ich schon etwas nervös. Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl der Unsicherheit, als ich das Schulgebäude zum ersten Mal betrat. Mein Gastbruder gab mir eine kurze Tour durch die schulische Einrichtung und dann ging auch schon der Unterricht los. Der erste Tag bestand nur aus Organisation. Da jeder einen individuellen Stundenplan hatte, musste dieser erstmals erstellt werden, was dauerte. Es war alles relativ hektisch und total neu für mich, es blieb leider auch gar keine Zeit mit anderen Mitschülern zu reden und mich vorzustellen. Trotzdem, der Traum eine kanadische Schule zu besuchen war nun auch Wirklichkeit geworden.

Am zweiten Schultag war alles schon etwas besser organisiert. Ich sprach mit einigen Kanadiern, unter anderem mit zwei Jungs, die zu meinen besten Freunden werden sollten und zu denen der Kontakt noch bis heute besteht. Ich weiß nicht warum, vielleicht aus Höflichkeit und Respekt, aber Kanadier/innen machen selten den ersten Schritt auf einen zu und sprechen einen nicht als erstes an, du musst selber auf sie zu gehen, dich vorstellen und ein erstes Gespräch anfangen. Es hilft mutig zu sein und sich einfach zu trauen, den ersten Schritt zu machen. Meistens freuen sie sich sehr, jemanden neues kennen zu lernen, sind offen für neue Begegnungen und sind auch interessiert, aus erster Hand von anderen Kulturen zu lernen. Das ist auch immer ein passendes Thema für eine erste Konversation.

Deutsches Essen kochen in der Schule

Endlich erhielt ich meinen Stundenplan mit den Fächern, die ich gewählt hatte. Das waren Programmieren (Computer Science), Gesetzeskunde (Law Studies), Geschichte des 20. Jahrhunderts (20th Century World History) und Kochen (Food Studies). Der Stundenplan unterschied sich deutlich von dem deutschen. Jeden Tag hatten wir nur drei von vier Unterrichtsfächern, die durch die Woche rotierten und somit sich die Reihenfolge der Fächer täglich änderte, sich dann aber die nächste Woche wiederholte. So wurde es nie langweilig und es gab immer einen abwechselnden Rhythmus. Es gibt also auch keinen Klassenverband, jeder hat seine Kurse und durch Zufall ist man mal mit denselben Mitschüler/innen in verschiedenen Kursen. Der Unterricht ging jeden Tag von 08:45 Uhr bis 15:05 Uhr. Das unterschiedliche Schulsystem war auch am Gebäude erkennbar, eine Sporthalle mit Tribüne und den Auszeichnungen der Schulteams sowie einem Fitnesscenter, Werkstatt, Küche und ein großzügiger Gemeinschaftsraum waren selbstverständliche Bestandteile einer kanadischen Schule.

Sporthalle
Der gelbe Schulbus steht auch immer für einen Schulausflug zur Verfügung

Was das Schulsystem betraf, geht es an kanadischen Schulen wesentlich gelassener zu als an deutschen Schulen. Auch das Verhältnis zwischen Schüler/innen und Lehrer/innen ist um einiges persönlicher und ehrlicher als es in Deutschland ist. Das empfand ich als etwas sehr Positives, da es auch zu einer besseren Lernatmosphäre beigetragen hat. So ist zwar der akademische Anspruch in kanadischen Schulen nicht so hoch wie in deutschen, was jedoch nicht heißt, dass man nichts lernt. Man lernt nur anders, in seinem eigenen Tempo, sodass es für jeden besser passt und wird dabei vom Lehrer begleitet, ohne viel Druck zu spüren. Generell war es nicht selten, dass Kinder von der ersten bis zur zehnten Klasse von zu Hause aus (Home-Schooling) lernten und für die letzten zwei Jahre auf eine Schule gingen, ganz anders als das in Deutschland üblich ist.

Das Englische zu verstehen ging deutlich leichter von der Hand, als ich es gedacht hätte. Jedenfalls im Unterricht mitzukommen, war überhaupt kein Problem, und jeder nahm Rücksicht auf einen, wenn es Schwierigkeiten beim Verständigen gab. Die ganze Zeit auf Englisch zu sprechen, war auch keine Schwierigkeit, man gewöhnte sich sehr schnell daran und tatsächlich habe ich auf Englisch geträumt und in Englisch gedacht. Nur manchmal gab es Momente, in denen das Gehirn auf Deutsch umschaltete und es schwierig war, Englisch zu sprechen. Mir half es sehr, alle Vokabeln, die mir unbekannt waren und im kanadischen Alltag oder Büchern begegnet sind, in einem Vokabelheft festzuhalten und zu lernen. Obendrein habe ich es mir zur Pflicht gemacht, mit anderen deutschen Schüler/innen, auf die ich traf, ausschließlich Englisch zu sprechen, da wir alle in Kanada waren, um die Sprache besser zu erlernen und aus Rücksicht auf die anwesenden Kanadier/innen.

Kanadischer Güterzug, Personenzüge gab es nicht

Dadurch gewöhnte ich mich langsam an mein neues Umfeld und knüpfte auch immer mehr Kontakte. So kam es, dass sich schon nach den ersten drei Wochen eine Freundesgruppe entwickelte, der ich angehörte. Wir unternahmen einiges in der Schule zusammen oder auch in unserer Freizeit.

Noch mehr Leute aus der Schule lernte ich über die sportlichen Aktivitäten nach der Schule kennen. Diese Aktivitäten waren in „Seasons“ aufgeteilt. So trug es sich zu, dass ich im Sommer der Volleyball- und Fußballmannschaft beitrat, obwohl ich diese Sportarten noch nie zuvor in Deutschland richtig gespielt hatte. Des Weiteren war ich Mitglied des Cross-Country-Running-Teams, wo wir auf sechs Kilometer langen Waldstrecken rannten und gegen andere Schulen antraten. Durch diese Sportarten entwickelte ich neue Fähigkeiten und lernte neue Freunde kennen, mit denen ich auch außerhalb der Schule etwas machte. Schön war es zu sehen, wie die Sportarten dort zelebriert werden und es nicht nur ums Gewinnen geht sondern einfach Spaß am Sportmachen zu haben.

Kanufahren auf einem abgelegenen See

In der „Winter Season“ war ich Spieler des Basketballteams meiner Schule, was auch ein völlig neuer Sport für mich war. Das ganze Jahr war ich Mitglied der Schulband, wo ich mich an der Klarinette ausprobierte. Überdies trat ich dem Schulclub „Aboriginal Education“ bei, der sich mit der Bewusstmachung und Verbindung von Indigenen Kindern, deren Vorfahren und Kultur an unserer Schule und in den lokalen Indigenen Stämmen beschäftigte. In diesem Kurs lernte ich unglaublich viel Neues über die „First Nations“ und deren Situation in der kanadischen Gesellschaft und besonders in der Region. Ferner durfte ich kulturelle Traditionen, wie der Bau eines Tipis, ein „Pow wow“ (ein Zusammentreffen und Zelebrieren von Kultur nordamerikanischer, indigener Stämme, beispielsweise der Tänze) oder Kanufahren, hautnah miterleben.

Ich kann im Nachhinein nur sehr froh sein, all den außerschulischen Aktivitäten beigetreten zu sein, man lernt neue Leute kennen und erlernt neue oder verbessert bereits erlernte Fähigkeiten. Auch wenn man etwas nicht so gut kann wie die Mitschüler/innen, braucht man keine Zweifel zu haben, jeder ist sehr hilfsbereit und geduldig und möchte einem etwas beibringen, das ist eben die kanadische Mentalität.

Kootenay River

Doch auch ganz außerhalb der Schule kostete ich die freizeitlichen Angebote aus. So zählte im Sommer Mountainbiken, Tennis spielen, Schwimmen und Wandern zu meinen Hobbys. Für diese Interessen eignete sich die bergige Umgebung der Kootenays hervorragend. Alles in der Gegend ist voller Natur und sehr weitläufig, es gibt viele Täler und Landstriche, in denen kein einziges Haus steht, noch jegliche andere Spuren der Zivilisation zu finden sind. Auch das Wildleben ist anders vertreten als in Deutschland. So ist es gut möglich auf einen Bären zu treffen, und sehr wahrscheinlich mehrere Elche die Woche zu sehen, die mich durch ihr Größe und Zahmheit sehr überraschten.

Obendrein waren die Ausflüge mit Freunden in die Stadt Nelson, die trotz ihrer geringen Größe so Einiges zu bieten hat, sehr reizvoll. Unzählige kleine Geschäfte, die Selbstgemachtes und Künstlerisches verkaufen, einzigartige Cafés, die sogar in Vancouver bekannt sind und viele hervorragende Restaurants und Essensangebote mit dem Einfluss vieler Kulturen reihen sich dort hintereinander; natürlich immer mit dem atemberaubenden Blick auf Berge und Fluss. Da Nelson auch als Hippie-Stadt bekannt ist, passt sie so gar nicht in das Raster von nordamerikanischen Kleinstädten: kaum Fastfood-Restaurants, einzigartige Geschäfte und alles zu Fuß erreichbar. Natürlich war es keine Großstadt, sodass ich bei jedem Besuch auf eine oder mehrere Personen traf, die ich aus der Schule kannte und auch die Busverbindungen ließen zu wünschen übrig, dennoch gibt es wahnsinnig viel zu unternehmen und zu entdecken, sodass es auch in sieben Monaten nicht langweilig wurde und es immer Neues zu erleben gab.

Langsam begann der Herbst und damit die herbstlichen Aktivitäten, wie Kanufahren und weiterhin Mountainbiken. Dies war eine Zeit, in der ich mehr mit Freunden unternahm, als mit meiner Gastfamilie, da sie bei Regenwetter doch lieber zu Hause blieben. Mein erstes Thanksgiving verbrachte ich im Kreise der erweiterten Familie meiner Gastfamilie, dort gab es einiges zu Essen und man konnte sich nett unterhalten.

Meine Gastfamilie wurde wieder aktiver, als Anfang Dezember der erste Schnee fiel. Auch in der Schule wechselte die Sport-Season und so kam es, dass ich, wie gesagt, der Basketballmannschaft beitrat. Besonders die Basketballspiele gegen andere Schulen machten mir viel Spaß, da die Stimmung bei diesen Spielen einfach so unglaublich positiv und energiereich war.

Kurz vor Weihnachten wäre ich eigentlich wieder nach Hause gereist und mein Flug war schon gebucht, allerdings hatte ich mich im Oktober bereits entschieden, meinen Aufenthalt um drei Monate zu verlängern, weil es mir so gut gefiel. Im Nachhinein wäre es äußerst schade gewesen so früh abzureisen, da ich sonst all die besonderen kanadischen Winteraktivitäten verpasst hätte. Es lohnte sich ganz bestimmt länger zu bleiben. Das einzige Ereignis, das die Weihnachtsstimmung dämpfte, war die damals neue Covid-Variante Omicron, die sich auch in Kanada verbreitete; vorher war Corona für die meisten Kanadier/innen kein großes Problem gewesen, doch Omicron brachte so seine Sorgen und Ängste mit sich. Zum Glück entspannte sich die Corona-Situation schnell wieder.

Weihnachten ohne meine Familie in Deutschland zu verbringen war ungewohnt, ich erlebte zum Glück so viel Spannendes in Kanada, dass mir eigentlich gar keine Zeit blieb, viel über meine Heimat nachzudenken. Es war ungewohnt Weihnachten am 25. Dezember morgens zu feiern und Truthahn als Weihnachtsessen zu genießen. Trotzdem hatte ich vor Weihnachten einen kleinen Durchhänger und hätte liebend gerne meine Familie wiedergesehen, aber das ist normal, denke ich. Zum Glück gab es die Möglichkeit, dass ich mich mit meiner Familie in Deutschland über einen Videoanruf austauschen konnte.

Backcountry Snowshoeing mit der Schule
Schneemobil fahren

Die Winteraktivitäten konnten in den Ferien beginnen, als endlich genug Schnee lag. Die „five ‚S‘ of winter“, wie sie mein Gastbruder immer bezeichnete, nämlich Ski fahren in einem der benachbarten Skigebiete (Red Mountain oder Whitewhater Ski Resort), Schneemobil fahren auf schneebedeckten, unbenutzten Straßen oder im Garten, Skating auf der eigenen Eisfläche meiner Gastfamilie inklusive Hockeyspielen gegen Freunde, „Sledging“, also Schlitten fahren im kanadischen Stil, was bedeutet möglichst steil und möglichst schnell einen Hang hinunter zu fahren mit einem Schlitten jeglicher Art und zu guter letzt „Sleeping“, sich auch mal ausruhen. Obendrein probierte ich mich noch am Langlaufen aus und am Schneeschuh laufen in der Wildnis.

Schneeschuhtour mit meiner Gastmutter

Jeder, der Ski fahren in Europa kennt, kann sich auf einen Ski-Kulturschock in Kanada gefasst machen. Dort, wo ich Ski fuhr, gibt es kaum präparierte Pisten und jeder fährt gerne durch den Wald (das sogenannte „Tree-Skiing“) oder andere Off-Track Strecken, eben dort wo der Pulverschnee am besten ist. Damit haben die Kanadier auch recht, denn durch die exzellente Exposition des Gebirgszuges entsteht ein unbeschreiblich leichter Pulverschnee. An einem Tag gab es 80 Zentimeter frischen Pulverschnee, ein traumhafter Skitag. Wer schwarze Skipisten liebt, kann sich auf eine neue Herausforderung gefasst machen, nämlich auf doppelt schwarzmarkierte Skistrecken („double black diamonds“). Durch diese Gegebenheiten in den Skigebieten verbesserte ich meine Skitechnik erheblich.

Hockeyspiel: „Nelson Leafs“ gegen „Castlegar Rebels“

Ich war aber auch froh, als nach den Winterferien die Schule wieder begann und ich alle meine Freunde sehen konnte, denn darauf folgten während der Schule aufregende Aktivitäten. So ging ich jedes Wochenende mindestens einmal Ski fahren mit meiner Gastfamilie oder Freunden, traf mich mit Freunden und/oder schaute einem Hockeyspiel in Nelson zu. Der Enthusiasmus, den die Zuschauer zu einem solchen Spiel mitbringen, ist einfach unbeschreiblich.

Zum Halbjahr Ende Januar wechselten meine Kurse; ich wählte Theater (Drama), den Werkstattkurs (Mechanics), in dem wir lernten an Autos zu schrauben und zu reparieren, Englisch mit dem Schwerpunkt Texte jeglicher Art zu verfassen (English Composition) und den wohl kanadischsten Kurs „Outdoor Education“, ein Kurs, in dem wir Sport in der Sporthalle hatten und alle zwei Wochen einen Ausflug machten, wie Ski fahren, Klettern in der Halle oder eine Skatebahn zu besuchen. Der krönende Abschluss wäre eine mehrtägige Wanderung gewesen, allerdings im Sommer, als ich nicht mehr da war.

Als mein Aufenthalt nach und nach zu Ende ging, wurde ich sehr traurig und hätte gerne nochmals verlängert, doch musste ich zu meiner deutschen Schule zurückkehren. Nun war es an der Zeit, sich von allem zu verabschieden und mein siebenmonatiges Leben in Koffer zu verpacken; ein letztes Mal Ski zu fahren und mich vor allem von Freunden und meiner Gastfamilie zu trennen.

Ende März war es soweit, ich verließ meine Neue Heimat, doch bevor ich in meine alte Heimat zurückkehrte, erkundete ich Vancouver für drei Tage. Ich muss zugeben, dass Vancouver eine, wenn nicht sogar die schönste Stadt ist, die ich je besucht habe. Sie verfügt über eine große kulturelle Vielfalt und Angebote und man fühlt sich, als hätte man die halbe Welt in einem Tag bereist. Umrundet wird Vancouver von Meer auf der einen und von Bergen auf der anderen Seite – noch ein Traum wurde war.

Totempfahl am Anthropologischen Museum in Vancouver

Mein Flug nach Hause verlief glücklicherweise nahtlos und ich war unendlich froh meine Familie wiederzusehen und doch unendlich traurig Kanada hinter mir gelassen zu haben. Angekommen in Deutschland und wieder in die Schule gestartet, stellte ich verblüfft fest, dass sich über die sieben Monate nichts verändert hatte, wohingegen ich an der Herausforderung Kanada immens wuchs und natürlicherweise mich dadurch veränderte.

Rückblickend lässt sich mein Aufenthalt in Kanada in die folgenden Phasen einteilen:

  1. Die aufregende Ankunft: alles war neu und jede Kleinigkeit sehr aufregend, das waren die ersten drei Wochen für mich.
  2. Die Orientierungsphase: sich in der Schule zurechtfinden, Freundschaften knüpfen, und Routinen bilden, das fand für mich in den anschließenden vier Wochen statt.
  3. Das Gefühl angekommen zu sein: nach und nach lebte ich mich immer mehr ein und fühlte mich schon zu Hause und hatte feste Freundschaftsgruppen. Auch war meine Freizeit mit einigen Aktivitäten gefüllt.
  4. Phase des Umorientierens. Freundesgruppen änderten sich etwas und ich hinterfragte bestehende Strukturen und wäre auch gerne einfach mal zu Hause in Deutschland gewesen, dies durchlebte ich nach vier Monaten, um die Weihnachtszeit herum.
  5. Richtig eingelebt: die letzten drei Monate nach den Weihnachtsferien würde ich als komplett eingelebte Zeit für mich beschreiben, diese drei Monate gingen rasant schnell vorbei und sie glichen vom Gefühl her drei Wochen, ich war mit allem in meiner alltäglichen Umgebung vertraut und fühlte mich einfach wie zu Hause.

Die Ankunft und das Einleben in Kanada verliefen ohne größere Kulturschocks, da ich mental auf die Unterschiede sehr gut vorbereitet war, von ISEC und durch eigene Recherchearbeit. Der in meinen Augen größte Unterschied zwischen Kanada und Deutschland sind die viel größeren Flächen Kanadas und die dünnere Besiedelung des Landes, daraus resultiert eine freiheitlichere und uneingeschränktere Denkweise und Lebensweise der Kanadier/innen. Die Menschen in Kanada haben auch eine viel positivere Einstellung im Vergleich zur deutschen Grundeinstellung. So kam es, dass ich bei meiner Wiederankunft in Deutschland einen gewissen Kulturschock erlebte und mir alles extrem klein vorkam. Doch nach acht Wochen merke ich, dass ich so langsam wieder voll und ganz hier angekommen bin.

Um abschließend die Eingangsfrage zu beantworten, die Komfortzone „Heimat“ zu verlassen hat sich zu einhundert Prozent gelohnt, falls es nicht schon vorher in dem Text klar wurde. Mein Auslandsaufenthalt war bislang eine der besten Erfahrungen meines Lebens und ich möchte mich dafür bei vor allem bei meinen Eltern, ISEC und meiner Gastfamilie bedanken. Mein Traum im Ausland zu leben war Wirklichkeit geworden. Das lag vielleicht auch an meiner positiven Einstellung gegenüber dem Aufenthalt, denn ich denke, dass der Auslandsaufenthalt nur so gut wird, wie du denkst, dass es gut wird.

Ski fahren – Red Mountain Ski Resort

”The real voyage of discovery consists not in seeing new landscapes, but in having new eyes“ (Marcel Proust)