Ein französisches Semester an einer école secondaire in Ottawa

Erfahrungsbericht von Kaya PerschkeOntario

Als ich in die 9. Klasse des Gymnasiums (G9) kam, wurde uns ein Lernprogramm vorgestellt, mit dem wir problemlos die 1. Hälfte der 11. Klasse ins Ausland gehen konnten. Das war schon immer ein Traum von mir und so habe ich gerne ein paar extra Nachmittagsstunden in Deutsch, Mathe, Englisch und Geschichte in Kauf genommen und mich mit dem Thema Auslandssemester beschäftigt. Ich wollte sehr sehr gerne auf einen anderen Kontinent. Kanada hatte für mich von Anfang an einen gewissen Charme, da der Osten bilingual ist und ich gerne mein Französisch verbessern wollte.

Es gibt verschiedene Agenturen im Internet, die den Austausch mit Kanada organisieren. Ich bin bei ISEC hängen geblieben – sie sind auf Kanada spezialisiert und ich fühlte mich von Anfang an gut betreut.

Nach einigem Vorlauf und etwas Organisation war es im August 2023 so weit, meine Reise konnte endlich beginnen. Zusammen mit meiner Mama flog ich nach New York und von dort weiter nach Toronto. Gemeinsam verbrachten wir dort meine ersten spannenden Tage in Kanada. Danach flog ich alleine weiter nach Ottawa. Ich war voll Vorfreude, dass „es“ nun endlich passieren würde! Mein erster längerer Schritt weg von zu Hause, ich fühlte mich bereit 😉

In Ottawa wurde ich von meinem Gastvater Michel abgeholt. Ich war in einer französischen Familie mit 4 Kindern untergebracht. Allerdings leben nur noch 2 der Kinder im Familienhaus. Schon im Vorfeld hatte ich Kontakt mit der Gastfamilie und sie erklärten mir, dass sie Baháí sind. Dies ist eine weltweit verbreitete universale Religion. Ich wurde herzlich empfangen und wir sprachen ein Gemisch aus Englisch und Französisch am ersten gemeinsamen Abendessen. Meine Gastschwester war zu dem Zeitpunkt auch 16 Jahre alt und wollte nicht zu gern französisch sprechen. Ich lernte, dass die Jugendsprache dort Englisch war.

Mein Zimmer, welches mir die Familie schon per Video vorab gezeigt hatte, war schön und geräumig. Ich habe mir meinen Rückzugsort mit Fotos und Kleinigkeiten von zu Hause dekoriert. Das Bad teilte ich mir mit meiner internationalen Gastschwester aus Spanien, Blanca kam zwei Tage nach mir in der Familie an. Sie blieb vier Monate.

Abholung am Ottawa Flughafen (v.l.n.r. spanische Gastschwester, kanadische Gastschwester, ich, mein Gastvater)

Am Tag nach meiner Ankunft fuhr meine Gastfamilie mit mir in einen Nationalpark, und wir machten dort ein typisch kanadisches Barbecue. Es war ein herrlicher warmer Sommertag. Am nächsten Tag hatte die Gastfamilie ein Religionscamp in der Region und ich fuhr mit, um etwas über Baháí zu lernen. Blanca kam, um Englisch zu lernen und ging auf eine englische Schule. Ich ging hingegen auf eine französische Schule. In der Familie wurde dann nur noch englisch gesprochen – ansonsten hätte uns Blanca auch nicht verstanden. Mit Blanca und mir war es von Anfang an super, wir fühlten uns wirklich wie Schwestern und das wird uns auch bleiben! Am nächsten Tag (Montag) hatte ich ein Treffen mit der Koordinatorin der internationalen Studenten an der École De La Salle (meiner Schule für die nächsten 5 Monate) und ein Zusammentreffen mit allen internationalen Studenten für den nächsten Term. „De La Salle“ ist eine französische Secondary School in Downtown Ottawa mit insgesamt ca. 2000 Schülern.

Lac Phillipe (BBQ)

Es war sehr spannend zu sehen, wo die Schüler überall herkamen. Einige waren aus Deutschland andere aber auch aus Slovakien, Argentinien und auch von der Elfenbeinküste. Wir bekamen eine ausführliche Schulführung. Und trotzdem habe ich mich die ersten Wochen dort regelmäßig verlaufen 🙂 Danach hat uns eine Gruppe von internationalen Schülern, die schon ein wenig länger in Ottawa lebten, das Parliament und die Innenstadt gezeigt. Ottawa ist die kanadische Hauptstadt und daher auch der Regierungssitz mit vielen Botschaften, Diplomaten und großen Banken.

Dann kam der 1. Schultag! Die Fahrt dauerte mit Bus und S-Bahn eineinhalb Stunden. Ein kleines Abenteuer, vor allem zu Beginn. Nach einiger Zeit empfand ich die Zeit zwar als recht lang, aber nutzte diese für Telefonate mit meinen Freunden in Deutschland. Schule an sich war wirklich interessant und so anders als gewohnt. In jedem Term hat man nur 4 Fächer. Lediglich der zeitliche Ablauf ist täglich anders. Die Lehrer sind sehr offen und fast wie Freunde mit den Schülern.

Das habe ich als sehr motivierend empfunden. Französisch war zu Beginn ein bisschen ungewohnt aufgrund des „Ontario Accents“ welcher die Sprache schon sehr vom „Schulfranzösisch“ unterscheidet. Nach ein bis zwei Wochen hatte ich mich aber auch da gut eingefunden. Der Unterricht besteht viel aus Arbeitsaufträgen, bei denen man Zeit hat in Gruppen seine Mitschüler kennenzulernen.

Schnell hatten sich Gruppen von internationalen Schülern gebildet und wir erkundeten an den immer noch sehr heissen Nachmittagen Ottawa und seine Sights wie z.B. den Rideau Canal, ByWard Market und verschiedenste Museen und Plätze. Ich empfand es als sehr angenehm und auch unkompliziert mit den anderen Schülern ins Gespräch zu kommen und Dinge zu unternehmen und zu planen. Wir waren alle im selben Boot. Oft habe ich mich auch nachmittags nach der Schule mit meiner spanischen Gastschwester und deren Mitschülern getroffen.

Foto im Dollarama (kanadischer 1€ Laden)

Es entstand sehr schnell eine lebhafte internationale unternehmungslustige Gruppe. Wir hatten viel Spaß miteinander 🙂

In der Schule lernte ich mehr und mehr Kanadier kennen. Wir näherten uns beim Lunch Break an und tauschten die unterschiedlichen Gewohnheiten unserer Heimatländer aus. Die Teenager in meinem Alter hatten sehr oft die gleichen Interessen, was das Kennenlernen vereinfachte. Obwohl es eine französische Schule war, fand die Kommunikation unter den Schülern komplett auf Englisch statt. Abends waren Blanca und ich unter der Woche meisten zum Essen daheim bei unserer Gastfamilie. Da dort aber alle lang und viel arbeiten kam es auch vor, dass wir gemeinsam noch eine Kleinigkeit essen waren, bevor wir uns auf die Heimreise machten. Das Haus der Gastfamilie lag nicht so weit außerhalb, allerdings hat Ottawa kein gutes und vor allem kein zuverlässiges Nahverkehr System, daher dauert der Heimweg oft sehr lange.

Costco

An einem Samstag waren wir mit der Familie bei Costco einkaufen. Das war ein echtes Erlebnis! Da gibt es alles, Kleidung, Haushaltsgegenstände, Elektro und eben Lebensmittel. Alles in unglaublich großen Mengen. So kaufen die Kanadier ein, Reis, Mehl, Müsli in kiloschweren Säcken. Das ist auch einer der Gründe, wieso dort viele sehr große Autos fahren. 

An den Wochenenden habe ich mich mit internationalem und kanadischem Freunden verabredet. Es gab die beeindruckende Lightshow am Parlament und wir feierten die Frankophonie! Es wird nämlich viel darum gekämpft, dass in diesem Teil Kanadas die Französische Sprache beibehalten und nicht durch Englisch ersetzt wird. 

Parliament Hill

Mit meinen Freunden haben wir uns immer wieder zu Übernachtungen verabredet. Meine Gruppe wurde nach und nach kanadischer 😉 Es war auch spannend zu erfahren, wo die einzelnen Familien ursprünglich herkommen, da durch die kanadische Einwanderungspolitik viele Familien noch Wurzeln in Europa haben.

Innerhalb der 5 Monate habe ich viele Sportevents besucht und angeschaut wie zum Beispiel einige Eishockey Spiele, unter anderem auch ein NHL Spiel, das ist die Nationale Liga. Im Namen der Schule habe ich auch selbst an Sportveranstaltungen teilgenommen, da ich dem Cross Country Team beigetreten bin. Im Laufe des Oktobers hatten wir da drei Wettkämpfe, bei denen man jeweils 6km laufen musste.

Cross Country Team
NHL Spiel der « Senators »

Im Gegensatz zu Deutschland ist das Schulsystem in Kanada viel lockerer. Es gibt Pyjama Tage und mehrere Mottowochen im Laufe eines Terms. Zudem müssen die Schüler nachmittags weniger Hausaufgaben machen, was dazu führt, dass man viel Zeit hat mit seinen Freunden nach der Schule und auch am Wochenende einiges zu unternehmen. Am Wochenende hatte ich viele Feiern z.B. zu Halloween oder auch Geburtstagen. An meinem eigenen Geburtstag hat es geschneit, das war ein super Geschenk 🙂 Abends bin ich mit meinen engsten Freunden Essen gegangen. Es war erstaunlich einfach diesen Tag einmal, ohne meine Familie zu feiern. Das hatte ich mir zu Beginn meiner Kanada Reise nicht so vorgestellt.

 

Die Organisation, die für die Internationalen Schüler zuständig war, hat mit uns den „Parc Omega“ besucht. Das ist ein wirklich cooler Nationalpark, indem man die Hirsche selbst aus dem Auto heraus füttern kann.

Den typischen kanadischen Winter habe ich, obwohl ich schon Ende Januar gegangen bin auf keinen Fall verpasst. Der erste Schnee fiel schon am 30.10.! Mitte Januar habe ich dann noch die klirrende Kälte von -26° und fast einen Meter Neuschnee miterlebt. Der Winter bringt viele Aktivitäten mit sich. In der Weihnachtszeit hatte ich mit und bei meinen Freunden viele sleepovers. Wir haben Lebkuchenhäuser verziert, typisch amerikanische Weihnachtsfilme geschaut oder sind auf den Weihnachtsmarkt in Ottawa gegangen.

Weihnachten selbst war schon ein wenig schwer ohne die gewohnten Traditionen und ohne meine Familie. Aber ich habe versucht das Beste draus zu machen! Es war dann irgendwie doch spannend mal am 25. Dezember morgens die Geschenke auszupacken und französische Weihnachtslieder zu singen. Die Weihnachtstage habe ich bei einer anderen Gastfamilie verbracht. Das hatte ich vor Ort mit allen Beteiligten geklärt, da meine Familie aufgrund ihrer Religion kein Weihnachten feiert und mir das Fest aber schon sehr wichtig ist. Der kleine Ausflug war eine runde Sache und hat mir einen guten weiteren Einblick in das Leben einer kanadischen Familie ermöglicht.

Einer meiner Lieblingausflüge war ins Cottage einer kanadischen Freundin. Dieses liegt östlich von Ottawa am Lake Clear. 2 Mütter haben uns 6 Mädels dorthin begleitet. Wir waren Skifahren und auf dem gefrorenen See Eislaufen. Danach haben wir gemeinsam gekocht und in Stockbetten übernachtet. Das Wochenende war geprägt von kanadischer Natur, Kultur und Freundschaft.

Am 31. Januar bin ich zurück nach München geflogen. Ich war sehr traurig meine Freunde verlassen zu müssen, ohne zu wissen, wann ich sie das nächste Mal wieder sehen werde. Die 5 Monate in Kanada waren wirklich mit die schönsten und erlebnisreichsten Momente bis jetzt!

Ich kann es jedem, der die Möglichkeit dazu hat, wirklich nur ans Herz legen. Die neu gefundenen Freunde und die Erfahrungen werde ich für immer in mir tragen und mein ganzes Leben lang davon zehren. Es hat mir sehr viel gebracht mal auf mich allein gestellt zu sein, und zu schauen, ob ich auch alleine klarkommen kann. Mein Auslandsterm hat mich sehr gestärkt und ich habe definitiv viel über mich selbst gelernt. 

🇨🇦 Je t’aime Canada 🇨🇦