Comox Valley – Intensiv Gelebte Erfahrungen

Erfahrungsbericht von Zita EilertsBritish Columbia

‘‘Leben ist zu kurz um Angst zu haben‘‘ singt makko in meinen Ohren. Ich fliege nach Kanada denke ich. Das ist mein neues Motto, denke ich. Ich werde erwachsen, denke ich. ‘‘Digga was heißt schon erwachsen‘‘ singt makko weiter. Dass mich irgendein Künstler aus Berlin mal so weit begleitet und ermutigt hätte ich auch nicht gedacht. Man denkt jetzt, ich wäre großer Fan, aber ich muss leider beichten, dass ich das nicht bin. Ich habe einfach nur diesen Song gefunden und mich inspirieren lassen. Musik hat mich schon immer begleitet. Ob traurig, glücklich, sauer, verzweifelt, überwältigt oder einfach nur voller Angst und Aufregung war. Und in dieser Angst und Aufregung, die ich vor Beginn meines Auslandssemesters hatte, habe ich diesen Song gefunden. Ich bin kein mutiger Mensch. Und trotzdem habe ich mich überwunden und den Schritt getraut, mein zuhause zu verlassen und ein neues Leben zu beginnen. Mein Auslandssemester war ein auf und ab. Ich habe noch nie so viel gelacht und geweint gleichzeitig. Ich habe ein zweites zuhause gefunden. Eine zweite Schwester.

Canadian Christmas with my host family

Ich habe mich an meinen Weg zur Schule gewöhnt, einen neuen Rhythmus, neue Lehrer, neue Fächer, neue Sportart und ich bin vor allem aus meiner Komfortzone rausgekommen. Ich habe am Anfang meines Auslandsjahr gelernt, dass man immer und zu allem ,,Ja‘‘ sagen soll. Und das habe ich gemacht. Willst du Volleyball ausprobieren? Ja! Willst du mit zum Minigolf kommen? Ja! Willst du um 22Uhr abends mit zu Starbucks? Ja! Willst du mitten im kanadischen Winter ins eiskalte Wasser springen? Ja! Willst du Tintenfisch probieren? Ja!

Ferry Ride to the Mainland
My first Vancouver Canucks NHL hockey game

Willst du ein Baby auf dem Arm halten? Ja! Willst du Basketball ausprobieren? Ja! Willst du um 5Uhr aufstehen, um den Sonnenaufgang zu sehen? Ja! Willst du den Sprung auf der Ski Piste machen? Ja! Willst du mit zum Pumpkin Patch? Ja! Willst du zu einem Vancouver Canucks Hockey Game? Ja! 

Ich habe ja gesagt und bin gewachsen. Ich habe ja gesagt und neue Leute kennengelernt. Ja sagen hat für mich nicht bedeutet, alles mitzumachen und eine Frage zu beantworten. Ja sagen hat für mich bedeutet, offen zu sein. Offen für neue Leute, Erfahrungen, Spaß und Risiken. Ich habe mich getraut, war mutig und wurde reich belohnt. Ich habe Leute aus Mexiko, Deutschland, Spanien, Brasilien, Italien, Japan, Thailand und natürlich Kanada kennengelernt. 

German-Mexican friendships might be the best of all 🙂

Ich hatte die unfassbar großartige Möglichkeit Kanada kennenzulernen. Und zwar komplett! 

Samt Schlafanzug Hose zur Schule, Ahornsirup, Angst davor einem Bären zu begegnen, Crocs, Tim Hortons, Poutine und vor allem unfassbar lieben, herzlichen und offenen Menschen. 

Menschen, die so offen sind, andere Menschen in ihre Familie, ihren Alltag, ihre Freundesgruppe, ihre Schule und in ihr Leben aufzunehmen. Und ich bin unfassbar dankbar dafür. 

Snow Day!

Ich habe vieles gelernt. Ich habe gelernt, dass manche Dinge einfach nicht sein sollen. Ich habe gelernt, dass zuhause nicht ein Haus, sondern ein Ort voller Menschen, die dich lieben ist. Ich habe gelernt, dass allein sein nicht einsam sein bedeutet. Ich habe gelernt, wie man erwachsen und verantwortungsvoll handelt. Ich habe gelernt, dass kleine Handlungen einen weiten Weg gehen und Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern können. Ich habe gelernt, dass Sarkasmus und Humor auf einer anderen Sprache ganz schön schwer sein können – ups! Ich habe gelernt, dass Schwester nicht beschreibt verwandt zu sein, sondern mit jemandem zusammen zu leben und zu wissen, dass die Person immer da ist und auf dich aufpasst. Ich habe eine Schwester vom anderen Ende der Welt gefunden. 

Ich habe vieles gelernt und wollte manchmal einfach nur nach Hause und jetzt, wo ich an dem Punkt bin, mich von allen verabschieden zu müssen und mein ,,Neues‘‘ leben zu beenden, möchte ich eigentlich gar nicht mehr gehen. 

Vor allem aber bin ich gewachsen. Aus jeder Träne, jedem Streit, jeder unangenehmen Situation, jedem Selbstzweifel, jedem Lächeln. Ich bin zwar kein neuer Mensch, aber ich trage von jetzt an ein Stück Kanada mit mir. 

Ein Stück in meinem Herzen voller lieber Menschen, die für einen kurzen Zeitraum mein zuhause waren. Ein Stück Tim Hortons Iced Coffee. Ein Stück Hockey Liebe. Ein Stück Everything Bagel mit Cream Cheese Liebe. 

Donuts and coffee <3

Ein Stück Internationalität. Ein Stück Sehnsucht nach meinem ,,Neuen‘‘ Leben. Und ein großes Stück Glück. Ich habe nun, obwohl mein Auslandssemester vorbei ist, die Möglichkeit praktisch die ganze Welt zu bereisen und alle meine Freunde wieder zu sehen und noch von vielen weiteren Kulturen lernen. Ich kann erzählen: Ich war in Kanada. Ich habe es erlebt und gelebt. 

We LOVE Canada!

Kanada ist ein sehr anderes Land als Deutschland und das war mir anfangs gar nicht so bewusst. Der erste Kulturschock war die Sprache. Und obwohl man natürlich weiß, dass die Menschen in Kanada nun mal hauptsächlich Englisch und Französisch sprechen, überrascht es einen im ersten Moment doch. Der nächste war, dass eigentlich alles ein bisschen anders aussieht: die Straßen, die Menschen, die Supermärkte, die Restaurants, die Schulen und so viel mehr. Der nächste – positive – Kulturschock: Das Schulleben ist wirklich, wie man es aus diesen klischeehaften Highschool Filmen kennt. Gelbe Schulbusse, große Turnhallen, Locker und eine ganze Menge Klatsch und Tratsch. Ich wusste natürlich im Voraus, dass Kanada ein multikulturelles Land ist, dass stark durch Kolonisation geprägt und beeinflusst ist, aber ich habe vorher zugegeben nicht wirklich viel darüber nachgedacht. Was mich dann aber doch wirklich geschockt hat, wie oft man Menschen aus dem gleichen Heimatland begegnet ist. Ob es nun über mehrere Generationen eine Verbindung gibt oder die Menschen einfach ausgewandert sind, ich habe durch meinen Auslandssemester in Kanada nicht nur die kanadische Kultur kennengelernt, sondern auch einiges über andere Kulturen erfahren. Es gibt so viele Unterschiede, die ich gar nicht alle aufzählen kann, weil man es einfach erlebt haben muss. Meine Zeit in Kanada ist wie im Flug vergangen und ich habe bis zu meiner letzten Sekunde nicht wirklich realisiert, dass ich dort war und es schon wieder vorbei ist. Und trotz, dass es sich eher angefühlt hat wie 5 Wochen anstatt von 5 Monaten, habe ich so viel erlebt. 

Ich habe erst dort gemerkt, dass man zuhause in so einen alltäglichen Rhythmus kommt. Schule, Essen, Freunde, Hobby, Schlafen. Schule, Essen Freunde, Hobby, Schlafen. Schule, Essen, Freunde, Hobby, Schlafen. Wochenende. Und von vorne. Doch als ich dann aus meinem deutschen Rhythmus rausgekommen bin und mir einen neuen kanadischen Rhythmus angewöhnen musste, habe ich gemerkt, wie wenig Zeit wir haben und dass ich jetzt gerade in meinen Teenager Jahren so viel Zeit habe, alles zu erleben, was ich möchte. Da es dort außer mir auch viele andere Austauschschüler*innen gab, hatten wir alle die gleichen Ziele und Wünsche: Alles, was geht aus dieser Zeit rausholen. 

Sunny Days in Vancouver

Und dieses Gefühl hat mir so viel Unternehmenslust, Motivation, Freiheit und Glück gebracht, dass ich genau das getan habe. Ich habe jeden Tag genutzt, um ihn mit Menschen und Dingen zu füllen, die mir Freude machen. Und auch wenn ich natürlich kein Bilderbuch-Pustekuchen Leben geführt habe und jeden Tag nur gelacht und gefeiert habe, habe ich mein Leben unfassbar genossen. Achtung jetzt wird’s schnulzig: Ich habe gelernt, dass es mir im Leben nicht darum geht, dauerhaft glücklich zu sein, sondern mit den Wellen meiner Emotionen zu gehen und mich und andere so zu nehmen und akzeptieren, wie sie eben sind.  

Ob Höhen und Tiefen, ich habe es angenommen, akzeptiert und gelebt. Ich habe geheult bis meine Augen rot waren und gelacht bis mein Bauch weh tat und manchmal vor lauter Freude einfach angefangen zu grinsen. Ich habe für mich persönlich festgestellt, dass ich keine riesige Freundesgruppe oder ein wildes Leben brauche, wo ich jedes Wochenende lange draußen bin, solang ich Leute habe, die mich glücklich machen und an meiner Seite bleiben. 

Visit to Victoria with my host family

,,Leben ist zu kurz um Angst zu haben‘‘ singt makko in meinen Ohren. Ich sitze im Flieger nach Deutschland. Nach Hause. Oder weg von zuhause. Ich weiß es auch nicht so recht. Irgendwie beides. Ich freue mich auf meine Familie, meinen Freund und meine Freunde. Doch zugleich habe ich bei dem Gedanken, dass mein Auslandssemester nun plötzlich vorbei ist, schon wieder Tränen in den Augen. Angst vor Ungewissheit. Neuanfang oder Gewohnheit? Ich weiß nicht genau, wie es sein wird wieder in mein altes Leben zurück zu kommen. Nach 5 Monaten entspanntes Schulleben mit netten Lehrer*innen zu dem deutschen Schulsystem zurück. Die größte Frage, die ich mir in dem Moment gestellt habe, war, ob ich mich viel verändert habe. Natürlich hätten meine Freunde und ich das nicht gemerkt, wenn man sich jeden Tag sieht. Aber wie wird es wohl sein, wenn meine Freunde von zuhause mich nach ganzen 5 Monate ohneeinander, mich wieder sehen? Was wenn sie mich nicht wieder erkennen? Was wenn ich in mein eigenes, altes Leben so nicht mehr rein passe? ,,Leben ist zu kurz um Angst zu haben‘‘ singt makko weiter. Und daran halte ich mich nun. Ich habe keine Angst mehr. Oder ich versuche es zumindest. Ich stürze mich mutig ins Abenteuer, wie ich das vor 5 Monaten in Kanada getan habe. Ich nehme meinen Mut, mein halbwegs neues und irgendwie verändertes Ich und all meine Erfahrungen und mein Glück zusammen und lebe nun immer so, wie ich es in Kanada getan habe: Als wäre Zeit endlich und müsste man alles rausholen, was geht.