Zwischen schneebedeckten Gipfeln und der Pazifikküste

Erfahrungsbericht von Mina GuttauBritish Columbia

Ich bin Mina, 16 Jahre alt, und nun gerade von meinem 8-monatigen Auslandsschuljahr zurückgekommen. Über meine Organisation ISEC und Lilie Hesse bin auf Squamish gestoßen. Das liegt nicht weit von Vancouver und ist also an der Westküste Kanadas, ziemlich nah an der Grenze zu Amerika. Umsäumt von schneebedeckten Bergen, dem Pazifik und gleichzeitig einer wunderschönen Natur, haben meine acht Monate mich hier wirklich geprägt.

Aber erst einmal ganz von Anfang an. 

Ich glaube ich war noch nie so aufgeregt, als mich Ende August 2023 am Flughafen in Frankfurt an meinem Boardinggate nun zehn Stunden Flug und ein neues Abenteuer, erwarteten. Die Vorfreude war riesig, aber natürlich kamen mit dieser Freude auch die Zweifel. Zu diesem Zeitpunkt waren erst fünf Monate Aufenthalt geplant und trotzdem erschien mir dies, wie eine unfassbar lange Zeit. Das erste Mal ohne Eltern, das gewohnte Umfeld und Verlassen der bequemen Komfortzone, hat es mich schon einiges an Mut gekostet, um mich alleine auf die Reise zu begeben. Glücklicherweise habe ich am Gate noch eine mega nette Italienerin kennengelernt mit der ich von da an, bis zur Ankunft in Vancouver, alles zusammen gemacht habe. Ich hatte sie damals einfach angesprochen, weil sie genauso wie ich, ein bisschen verloren in diesem riesigen Flughafen Frankfurt, aussah. Mit ihr ging die Wartezeit doch schon viel schneller rum und auch meine Nervosität wandelte sich immer mehr in Vorfreude um. Ich war so gespannt auf meine Gastfamilie, Kanadier und andere „Internationals“ zu treffen, den Ort Squamish zu erkunden und bei „Tim Hortons“ meine ersten „TimBits“ zu essen. 

Die zehn Stunden vergingen wie im „Flug“ und Schwups war ich schon am anderen Ende der Welt, nur mit meinem Rucksack auf dem Rücken Richtung Gepäckausgabe. Meine Sorgen waren verflogen, nichts konnte sie mehr trüben, dachte ich, bis die Formalitäten erledigt werden mussten. Am Ende waren wir nur noch ein ziemlich chaotischer großer Haufen an Menschen aus aller Welt die völlig verwirrt vor den ganzen Schaltern und Stationen standen. Doch auch das haben wir überlebt, indem wir uns alle gegenseitig geholfen haben. Es war super schön, schon gleich am Anfang so viele neue Menschen kennenzulernen. Da fiel es mir leicht, mich zu öffnen und Englisch zu reden war auch gar nicht mehr so schwer. Nachdem wir nun endlich unser Gepäck hatten, ging es nach einer kleinen Stärkung bei Tim Hortons und drei!!!! Stunden warten in der Flughafenhalle um ca. 22:00 Uhr endlich Richtung Squamish. 

Dort angekommen, wurde ich sehr herzlich von meiner Gastfamilie begrüßt. Meine Gastmutter, mein Gastvater und meine Gastschwester, waren alle wirklich super lieb! Nachdem sie mir mein Zimmer gezeigt haben und wir uns zum Kennenlernen noch kurz alle aufs Sofa gesetzt haben, bin ich danach einfach nur noch ins Bett gefallen. Der Jetlag und die Vielzahl der neuen Eindrücke hatten mich dann doch echt krass erwischt und ich bin sofort eingeschlafen. 

Die ersten Wochen danach waren schon anders. Jeden Tag in einem fremden Bett aufwachen, sich in einen völlig unterschiedlichen Alltag einzuleben und mit allen neuen Eindrücken erst einmal klarkommen. Nicht zu vergessen der Erste Schultag. Ich weiß noch, wie glücklich ich war, endlich in die Schule gehen zu dürfen! Ein paar der „Internationals“ hatte ich ja schon in Vancouver am Flughafen kennengelernt. Das war anfangs auch wirklich hilfreich um sich zu orientieren, denn wir waren eine riesige Gruppe. Jeder war neu, keiner kannte sich und so habe ich eigentlich schon gleich am Anfang meine Leute gefunden. Spanier, Tschechen, Mexikaner und nicht zu vergessen, die Deutschen. Wir haben diese Schule wirklich infiltriert. Mindestens 30 gleichsprachige habe ich allein am ersten Tag kennengelernt. Fleißig wurde der QR-Code des Bitmojis auf Snapchat gescannt, um gerade neue Bekanntschaften aufrecht zu erhalten.  Wirklichen Unterricht hatten wir an diesem Tag noch nicht, das ging dann erst am nächsten Tag richtig los.

Im ersten Semester hatte ich Mathe Foundations 11, was für mich als Elftklässlerin wirklich sehr einfach war, Food Studies, Volleyball und Environmental Science. Zusammengefasst, war die Schule sehr entspannt. Food Studies war toll, da wir viel gekocht haben und ich dort mega nette Kanadier getroffen habe. Auch beim Volleyball hatte ich die beste Zeit mit wirklich tollen Menschen. Ich kann nur empfehlen, zu den Tryouts für alle möglichen Sportarten zu gehen. 

Ich gehörte zum Volleyball Team der Schule und hatte da wirklich eine tolle Zeit. Training jeden Tag nach der Schule, bis spät abends. Wir haben nur noch Volleyball gespielt. Nach einigen Wochen ging es dann zu unseren ersten Spielen gegen unsere Nachbarstädte. Die Atmosphäre, das gemeinsame Anfeuern, war unglaublich. Danach sind wir immer noch alle zu A&W oder McDonalds gegangen, um Sieg oder Niederlage zu feiern. Leider war die Saison viel zu schnell vorbei und nach einigen Auseinandersetzungen mit unserem Coach ist sie auch leider nicht ganz so schön geendet. Was aber am Ende des Tages gezählt hat, war eine unvergessliche Zeit und Freundschaften fürs Leben. Wirklich unvergesslich!

Dann neigte sich das Jahr 2023 schon langsam dem Ende zu, und die Ski Saison rückte immer näher. Squamish liegt etwa eine halbe Stunde von Whistler entfernt, bekannt für sein riesiges und super vielseitiges Skigebiet. Wir haben endlose Nachmittage nach der Schule in den verschiedensten Skioutlets verbracht um alles zusammen zu suchen. Das erste Skiwochenende war dann auch wirklich besonders. Mit Fieber und ohne Stimme habe ich mich Samstag und Sonntag auf den Berg geschleppt. Auch der Schnee ließ über die ganze Saison ein wenig zu wünschen übrig, viel zu warmes Wetter und recht wenig Niederschlag waren kleine Dämpfer. Jedoch wurden alle Wochenenden danach nur noch besser, einmal hatten wir über Nacht 60 cm Neuschnee bekommen. Ich glaube ich habe noch nie so tief im Schnee gesteckt. Es waren natürlich super viele Menschen dort, eine Sache die mich an Whistler generell wirklich ein bisschen gestört hat. Ansonsten waren die Tage im Skigebiet unvergesslich. Wir haben das erste Mal Backflips mit Skiern an den Füßen geübt und supersüße Kanadier kennengelernt.

Man genießt insgesamt schon recht wenig Pflichten und kann sich seinen Alltag mehr oder weniger selbst gestalten. Und vor allem dann ist es wichtig, dass man sich eine Routine aufbaut, Freunde findet, mit denen man wirklich gute Beziehungen pflegt, um einfach auf sich selber acht zu geben. Weil man einfach keine/wenige Bezugspersonen hat, denen man sich spezifisch anvertrauen kann. Das kann bei anderen natürlich total anders sein. Meine Eltern haben mich über die ganze Zeit von Zuhause aus unterstützt und mir das Vertrauen geschenkt, größtenteils alleine klarzukommen. Somit hatten wir recht wenig Kontakt über die gesamte Zeit. Deshalb hat mir jemand zu dem man aufgucken kann, ein bisschen gefehlt. Leider habe ich mich am Anfang auch nicht zu gut mit meiner Gastfamilie verstanden, dort fand ich also auch wenig Anschluss. Da ich mit meiner Gastschwester, die zu dem Zeitpunkt noch 19 war, leider auch nicht viel gemeinsam hatte, habe ich den Abend dann meist alleine verbracht. Manchmal bin ich noch joggen gegangen, das hat meine Gastmutter nur auch nicht so gerne gesehen, da die Gefahr abends auf einen Bären zu treffen ziemlich wahrscheinlich ist. 

Und nochmal zum Thema Freundschaften. Am Ende waren meine Freunde, vor allem die „Internationals“ allgemein wirklich meine Familie für mich. Wir haben uns alles erzählt, und jeder hat jedem geholfen. Mir war es wichtig die Menschen kennenzulernen, die ehrliches Interesse an meiner Person hatten. Mit den Kanadiern war das anfangs ein bisschen schwerer, das Ganze hat aber auch am Ende super funktioniert, und ich habe deutsche, Europäer und Kanadier kennengelernt, mit denen ich bis jetzt und für hoffentlich noch länger Kontakt halte. Sowas finde ich super wichtig, vor allem, wenn man seinen Austauschort irgendwann noch einmal besucht. Vielleicht werden dann ja noch ein paar meiner alten Freunde dort wohnen…

Auch ist es super wichtig eine gesunde Balance für einen selbst zu finden. Da sich irgendwann ein gewisser Alltag, eine Routine eingespielt hat, ist es wichtig nach neuen Herausforderungen zu suchen, und diese dann auch wirklich umzusetzen. Das ist umso wichtiger, wenn ihr in einer eher kleineren Stadt untergebracht seid. Wir z.B. sind damals jeden Tag nach der Schule für eine Zeit lang zu einem Sushi Laden gleich neben der Schule gegangen. Dann haben wir dort gesessen, um dann um ca. 18 Uhr den Bus nach Hause zu nehmen, um dann mit der Gastfamilie Dinner zu essen. Ich habe ziemlich weit weg von all meinen Freunden gewohnt, und hatte dementsprechend danach oft Schwierigkeiten vor meinem Curfew (unter der Woche 21:00 Uhr, am Wochenende 23:00 Uhr) wieder Zuhause zu sein, da das Bussystem in Squamish ein bisschen zu wünschen übrig lässt. 

Nachdem ich für mich gemerkt habe, dass ich mich ein wenig langweile, habe ich angefangen, jeden Tag für mich besonders zu machen, auf meine Art und Weise. Damit meine ich nicht, dass man jeden Tag ausfüllen sollte, um nicht melancholisch zu werden. Denn, dadurch, dass eigentlich jeder Tag vom Grundsatz her gleich ist, verliert man irgendwann das Gefühl dafür, wie sehr man doch privilegiert ist, ein Auslandsjahr machen zu dürfen. Und eigentlich jeder Tag wertgeschätzt werden sollte. Am Ende jedoch, war es mir wichtig, dass ich mit mir zufrieden war und den Tag so gestaltet habe, wie es mir am Besten getan hat. Ich hatte das Glück, dass meine Eltern mich besucht haben und ich ihnen dadurch meine Lieblingsplätze zeigen konnte. Ich habe mich so gefreut meine Eltern und meine Schwester wiederzusehen.

Schlechte Tage, an denen man nichts wirklich ändern kann und will, sind völlig normal und gehören dazu! Die machen die anderen Tage ja erst schön. An solchen Tagen, hat es mir besonders geholfen, meine Schwester aus Deutschland anzurufen, Sport zu machen oder generell mit meinen Eltern und Verwandten zu telefonieren. 

Es hat seine Zeit gebraucht, bis ich mich eingelebt hatte und wirklich angekommen war. Deshalb kann ich jedem nur empfehlen, sofern es Schule und Möglichkeiten zulassen, so lange wie möglich in eurem Austauschland zu bleiben. Am Ende, war es wirklich eine so wunderschöne und lehrreiche Zeit, ich bin älter geworden, habe unfassbar viel mitgenommen und mich weiterentwickelt. Vor allem in meinem Alter ist man noch so unerfahren und unsicher, und da kann ein Auslandsjahr definitiv weiterhelfen, um strukturiert und unabhängig von Zuhause selbstständiger zu werden. Man trifft wirklich so unfassbar viele tolle, neue Menschen, die selber so viele Unsicherheiten und Angst mitbringen. Daraus entstehen Freundschaften, die wirklich unbezahlbar sind. 

Langsam neigte sich die Zeit dem Ende hin, ein paar heiße Tage am Strand in Squamish konnte ich noch genießen, bis es dann auch für mich final hieß, Abschied nehmen. Ich persönlich, bin super glücklich nach Hause geflogen. Natürlich, habe ich die ein oder andere Träne verdrückt, als ich meine Flagge unterschreiben hab lassen von all meinen Freunden. Trotzdem wusste ich auch, mein Zuhause wartet mit genauso vielen Überraschungen. Schließlich war ich auch dort für 8 Monate nicht. Ich war total aufgeregt und neugierig meine Freunde hier wiederzusehen und wieder in die Schule zu gehen. Und jede noch so schöne Zeit ist irgendwann vorbei!

Also ging es für mich am 26.04.2024 wieder zurück nach Deutschland. Der Flug verging rasend schnell, und auch hier hat es ein paar Tage gebraucht, bis ich wieder richtig angekommen war. Jetzt bin ich wieder einige Tage in die Schule gegangen und lebe mich langsam richtig wieder ein. Ich habe wieder angefangen Volleyball zu spielen, und bin super viel draußen. Der Sommer steht schließlich kurz vor der Tür!

Abschließend, war Kanada wirklich eine umwerfende Erfahrung, die ich für nichts auf dieser Welt eintauschen würde. Ich bin so froh, dass ich mich am Ende getraut habe zu fliegen, und ich bin meinen Eltern unfassbar dankbar, dass sie mir all das ermöglicht haben! 

Falls ihr noch Fragen oder sonstiges habt, schreibt mich gerne über Instagram an! @mina.gtt