Ich heiße Tobias, ich bin 17 Jahre alt und habe das letzte halbe Jahr in Ottawa, Ontario, verbracht. Ich bin im Januar angereist und habe ein Semester auf einer französischen Schule und in einer frankophonen Familie verbracht, bevor ich dann Ende Juni wieder nach Deutschland gekommen bin. Meine Zeit in Kanada war die beste meines Lebens und ich würde es wieder und wieder machen.
Als ich mich vor anderthalb Jahren dafür entschieden hatte, einen Auslandsaufenthalt in der 11. Klasse antreten zuwollen, war ich zu Beginn noch etwas überwältigt von dem Ausmaß an Organisation, das für ein Projekt dieser Größenötig ist. Durch die schiere Auswahl an Angeboten ist es auch leicht, schnell den Überblick zu verlieren. Ich war dazwischen hin und hergerissen, ein oder zwei Semester im Ausland zu verbringen, deswegen habe ich mir erstmal sehr viele Meinungen von Bekannten eingeholt, die so etwas schon einmal gemacht hatten. Einerseits kann es sein, dass es mir gar nicht gefällt und ich merke, dass ich schon nach einem halben Jahr zurück möchte, andererseits ist es auch möglich, dass ich mich nach einem halben Jahr erst richtig eingelebt habe und noch gar nicht wieder weg möchte. Die Kosten sind ja auch nicht zu vernachlässigen… Die Antworten rangierten von „ein halbes Jahr ist eigentlich genug“ über „im zweiten Semester geht es besser, da hat man sich schon eingelebt“ bis hin zu „ein ganzes Jahr war eigentlich noch zu kurz“. Letztendlich habe ich mich dann für nur ein halbes Jahr entschieden und war damit auch sehr zufrieden. Mir hat meine Zeit dort super gut gefallen, ich wollte eigentlich nochgar nicht weg, andererseits war ich aber doch froh, meine Familie hier in Deutschland wieder zu sehen. Dass ich jetzt nachträglich doch lieber ein ganzes Jahr geblieben wäre, kann ich nicht sagen, wer weiß, ob ich dann die Leutegetroffen hätte, mit denen ich mich jetzt so gut verstehe.

Von der Sprache her war mir ein frankophoner Ort lieber, da ich mein Französisch auf Konversationslevel bringen wollte und mir dort größere Fortschritte erhoffte als mit Englisch. Dafür war Kanada die ideale Auswahl, ich wollte schon immer mal diese unberührte Natur sehen und als bilinguales Land mit gutem Bildungssystem hätte es auch besser nicht seien können.
Während des Aufenthaltes habe ich dann mit zwei anderen Austauschschülern meines Alters, aus der Elfenbeinküste und aus Vietnam, bei einer alleinstehenden Grundschullehrerin aus Haiti gewohnt. Obwohl am Anfang die Umgewöhnung auf eine neue Familien-Atmosphäre etwas schwer war, habe ich mich dann später gut mit meiner Gastmutter verstanden. Mit meinen beiden Gastbrüdern bin ich auch wunderbar klargekommen, wir haben sehr viel unternommen und es war sehr schön als Einzelkind in einem volleren Haushalt zu wohnen. Wir drei haben oben jeweils unser eigenes Zimmer gehabt, unsere Gastmutter schlief unten.

Meine Schule war mit dem Bus etwa 30-40min entfernt, gut angebunden, mit einer Direktverbindung. Meistens bin ich zusammen mit meinem Gastbruder aus der Elfenbeinküste losgefahren, da wir dieselbe Schule besuchten. Ich war in der elften Klasse und hatte es mit meiner Schule in Deutschland so geregelt, dass ich nicht gezwungen war, obligatorische Fächer zu belegen. Dadurch konnte ich mir die vier Fächer pro Halbjahr frei aussuchen, so dass ich meine Lieblingsfächer jeden Tag für 75 Minuten hatte. Unsere Schule war eine vom Staat unterstützte Musik- und Kunstschule (Highschool mit dazu gehörendem Centre d’excellence artistique de l’Ontario), so dass ich auch Fächer wie Chor wählen konnte. Das war die beste Entscheidung meines Lebens, fast alle meine Freundesgruppen sind jetzt aus dem Chor und es war super interessant und hat sehr viel Spaß gemacht! Als ich mich dafür beworben hatte, hatte ich noch zwischen dieser Schule und einer anderen geschwankt, mich dann aber letztendlich für meine jetzige Schule entschieden, da nur diese einen Chor anbot. Mir war damals aber noch nicht klar, dass man dafür vorsingen musste (habe ich über Videos gemacht) und dass es eine der besten Schulen mit musikalischem Schwerpunkt Kanadas ist. Frau Hesse und das isec-Team, aber auch die Leute vor Ort, hatten sich sehr dafür reingehängt, dass ich dort mitmachen durfte. Ganz kurzfristig stand dann auch noch die Entscheidung an, den Chor auf seine Tournée nach Vietnam zu begleiten!
Im April ging es dann für gute zwei Wochen zu einem internationalen Chorwettbewerb in Vietnam. Wir haben als Chor eine Rundreise von Süden nach Norden gemacht, über Hoi An, wo das große Festival veranstaltet wurde. Die Organisatoren hatten sich ein großes Spektakel überlegt, mit traditionellem vietnamesischen Kulturauftritten und auch unsere kanadische Schule hatte sich ein fantastisches Programm ausgesucht, mit vielen Erlebnissen und Erfahrungen, die ich nie vergessen werde. Unser Chor trat in zwei Kategorien an, eine davon kanadische Folklore. Als wir unseren Auftritt hatten, lief es eigentlich gut, aber nach unserem Gefühl nicht gut genug, um weiterzukommen. Als wir dann spät abends die Einladung zum Finale erhielten, haben wir uns natürlich unglaublich gefreut! Die Preisverleihung war dann am zwölften April, an meinem Geburtstag, und wir wurden nicht nur als Gewinner beider Kategorien ausgerufen, an denen wir teilgenommen hatten, wir erhielten auch den Preis des besten Chores des Wettbewerbs!!! Das war der beste Geburtstag meines Lebens, und ich glaube das wird auch so bleiben!

Was ich an Kanada wohl am faszinierendsten fand, waren die vielen verschieden Leute mit unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen, die einem offen begegneten und mich freundlich ansprachen, als ich neu dazu kam. Ein Großteil meiner Mitschüler hatte Wurzeln in europäischen und afrikanischen Ländern und das sorgte für eine große Vielfalt in unserem Schulalltag. Meiner Ansicht nach war es wesentlich offener als es in Deutschland der Fall ist. Es war auch mal interessant für mich zu sehen, wie sich Leute aus Frankreich, der Elfenbeinküste, Benin und Algerien alle zusammen auf Französisch unterhalten haben. Jeder hatte natürlich seinen eigenen Akzent und eine eigene Kultur, aber im Grunde sprachen sie miteinander, als wären sie nicht aus allen Ecken der Welt zusammengewürfelt worden. Das machte das Französisch für mich lebendiger als ich es mir jemals im Schulunterricht hätte vorstellen können: Anstatt von langen Schultexten gequält zu werden, kam ich in Kontakt mit Leuten, für die ein Leben ohne Französisch nicht in Frage käme und die sich mit einer solchen Selbstverständlichkeit auf Französisch unterhielten, die nicht mit den im Unterricht geführten Dialogen vergleichbar war.

Ich hatte natürlich schon vorher gehört, dass Ottawa eine bilinguale Stadt sei, jedoch wurde ich immer wieder verblüfft von der Mühelosigkeit, in der meine Mitschüler von einer Sprache auf die andere wechselten. Obwohl meine Schule offiziell französisch war und auch der Unterricht auf Französisch stattfand, kamen viele der Schüler aus englischsprachigen Haushalten, die ihre Kinder bilingual erziehen wollten. Dadurch fanden die Pausen meist auf Englisch statt und Schüler fingen auch im Unterricht an, miteinander Gespräche auf Englisch zu führen. Kam jedoch dann die Lehrkraft rum, ging die Konversation nahtlos über ins Französische, ohne dass sich die Schüler etwas anmerken ließen. Englische Begriffe wurden im Französischen benutzt, französische im Englischen, sodass letztendlich einige Diskussionen ein Wirrwarr aus den beiden Sprachen waren, dass für die Kanadier nicht nur verständlich, sondern auch selbstverständlich war. Obwohl ich zu Beginn noch etwas Schwierigkeiten mit diesen flüssigen Übergängen hatte und meine Spracherkennung manchmal noch versuchte, die falsche Sprache auszumachen, gewöhnt man sich doch recht schnell daran. Mir wurde dann klar, dass man, indem man sein Vokabular auf zwei Sprachen erhöht, sehr viel freier und offener im Sprachgebrauch ist. Man kann sich einfach immer aussuchen, welches Wort gerade besser rüberbringt, was man sagen möchte! Und sollte einem das eine gerade nicht einfallen, ist es auch nicht schlimm, da nimmt man einfach das andere.
Ansonsten bot Ottawa aber auch kulturell Einiges: Obwohl es natürlich wesentlich jünger ist als Montréal oder Québec, konnte man sowohl im Sommer als auch im Winter viele Sachen unternehmen. Es gibt den „Parliament Hill“ direkt im Stadtzentrum, der den Senat, das Parlament und weiteres beherbergt, Museen wie die „National Gallery of Art“, das „Musée Canadien de l’Histoire“ inGatineau, aber auch Stadtviertel wie „Little Italy“ und „Chinatown“ in denen oft Festivals stattfanden. Berühmt ist Ottawa zudem für „Canal Rideau“, einen Kanal, der sich durch die Stadt zieht und im Sommer zu wunderbaren Ausflügen in anliegenden Parks einlädt, wie beim „Lac Dow“ oder dem „Lansdowne Park“, in denen unter anderem Paraden oder auch das „Tulip Festival“ stattfinden. Dort wird jährlich ein Geschenk aus den Niederlanden bestehend aus tausenden Tulpen zur Schau gestellt. Im Winter verwandelt sich der Kanal jedoch in eine 7,8 km lange Schlittschuhstrecke, den größten „Skateway“ der Welt! Mit meterdickem Eis findet man sogar Hütten vor, die Beavertails, Poutine, heiße Schokolade und vieles mehr anbieten. Für mich war das auf jeden Fall eines der Highlights, ich habe dort viele tolle Tage mit meinen Gastbrüdern verbracht, die vorher noch nie mit Schlittschuhen unterwegs gewesen sind! Positiv an Ottawa war auch,dass ich überall mit den öffentlichen Verkehrsmitteln hinfahren konnte. Ich war nicht darauf angewiesen, dass mich jemand fährt, wie das oft in den einsameren Gegenden der Fall ist. Es hing nur von meinem eigenen Engagement ab, wieviel ich aus der Zeit gemacht habe. Wie man auf meinen Bildern sieht, war ich sogar Tall Ship Sailing auf dem Lake Ontario!

Ich kann also definitiv sagen, dass der Auslandsaufenthalt die beste Zeit meines Lebens war! Ich habe eine großartige Zeit gehabt, besser hätte es gar nicht sein können. Ich kann es nur weiterempfehlen, ich würde es wieder und wieder tun. Ich nehme auch viele Freundschaften wieder mit zurück und freue mich auch schon auf nächsten Sommer, wo ich meine Freunde nochmal besuche.


